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Mittwoch, Juli 28, 2021
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47 Gärtnereien, 39 Gaststätten, eine Lehranstalt für Geflügelzucht und zu kleine Schulen: Wie sich das Leben in Mahlsdorf zwischen 1905 und 1930 entwickelte

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Am 25. Januar wurde unser Mahlsdorf exakt 675 Jahre alt. Seitdem nimmt „Mahlsdorf LIVE” dieses Jubiläum immer wieder zum Anlass, über historische Ereignisse oder geschichtlich bedeutende Vorgänge aus unserem Ortsteil zu berichten (siehe Links am Ende des Artikel). Dazu konnten wir die Historikerin Dr. Christa Hübner, welche als stellvertretende Vorsitzende des Heimatvereins wirkt und sich seit mehr als 20 Jahren mit der Geschichte des Bezirks Marzahn-Hellersdorf beschäftigt, gewinnen. Hier ihr aktueller Text, wie sich das Leben in Mahlsdorf bis 1930 entwickelte.

von Dr. Christa Hübner

Der 12. Februar 1913 war ein besonderer Tag für Mahlsdorf. Am alten Dorfgasthof „Tegelitz“, der sich an der Kreuzung der heutigen B1 mit der Bahnhofstraße (heute: Hönower Straße) befand, leuchtete die erste elektrische Glühlampe des Ortes. Es war ein weiterer Schritt auf dem Wege des Dorfes zu einem vorstädtischen Gemeinwesen. Anschluss an das Wasserleitungssystem und Gaslaternen gab es schon seit mehreren Jahren, nachdem 1904/05 mit der Stadt Lichtenberg entsprechende Verträge abgeschlossen worden waren.
Nach und nach entwickelte sich in Mahlsdorf eine gewerbliche Infrastruktur, um die Bedürfnisse der vor allem ab der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert stark steigenden Bevölkerung zu befriedigen. Für sie wurden Dienstleistungen bereitgestellt, die sie nicht mehr wie die Dorfbewohner früher entweder selbst erledigten oder wofür diese in die Stadt hatten fahren müssen. Neue Firmen, darunter kleine industrielle Unternehmen, siedelten sich an.
Eine Mahlsdorfer Besonderheit waren die zahlreichen Gärtnereien, von denen es 47 im Jahre 1932 gab. Die 1896 im Bereich der Wodanstraße eröffnete „Lehranstalt für Nutzgeflügelzucht“ war nach 1900 die zentrale Geflügelzuchtanstalt Brandenburgs und bestand bis zum Ersten Weltkrieg. Das erste Postamt von Mahlsdorf wurde 1910 in der Bahnhofstraße eröffnet, nachdem es bereits seit 1892 eine Posthilfstelle bzw. Postagentur gegeben hatte.

Die bisherige Schule konnte die vielen Schulkinder nicht mehr aufnehmen und platzte aus allen Nähten. Nur eine Notlösung war es, als 1902 in einem Wirtschaftsgebäude am heutigen Hultschiner Damm ein Klassenzimmer eingerichtet wurde. Da in Mahlsdorf die Einwohnerzahlen noch stärker als in Biesdorf und Kaulsdorf stiegen, öffnete 1905 an der heutigen Straße An der Schule die vom Architekten Pohl erbaute, erste moderne Schule auf dem Gebiet des heutigen Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Doch sie war bereits bei ihrer Einweihung zu klein, sodass das Gebäude 1909 vom Lichtenberger Architekten Paul Tarruhn erheblich erweitert wurde und sein heutiges Aussehen erhielt. Es dient noch immer als Schule (seit 1999 Friedrich-Schiller-Grundschule). In Mahlsdorf-Süd wurde 1937 am jetzigen Erich-Baron-Weg eine weitere Schule eröffnet, in der sich seit 2002 die private BEST-Sabel-Grundschule befindet.

1907 wurde Mahlsdorf wieder eine selbstständige evangelische Pfarrgemeinde. Bis dahin war die dortige Kirche als Folge des 1648 beendeten Dreißigjährigen Krieges Tochterkirche von Biesdorf. In den 1930er-Jahren wurden mit der Kreuzkirche und dem Theodor-Fliedner-Heim neue evangelische Kirchen in Mahlsdorf-Nord und -Süd erbaut. Im Restaurant Brandt in der Bahnhofstraße fand 1910 das erste Mal seit der Reformation 1539 katholischer Gottesdienst in Mahlsdorf statt. 1925 wurde die Kuratie Mahlsdorf-Kaulsdorf gebildet und 1929/30 für diese in der Giesestraße die St. Martinskirche erbaut.
Mit dem Anstieg der Bevölkerung wurde auch der Friedhof um die alte Pfarrkirche zu klein. Daher eröffnete in Mahlsdorf-Nord 1919 ein kommunaler Friedhof und 1923 der evangelische Waldfriedhof in der Rahnsdorfer Straße auf einem Gelände, das Heinrich von Treskow der Kirchengemeinde geschenkt hatte.

Im April 1904 erschien mit der „Mahlsdorfer Zeitung“ erstmals eine Lokalzeitung. Einen Monat später folgten analoge Blätter für Biesdorf und Kaulsdorf. Herausgeber dieser Zeitungen war Ambrosius Paritschke, dessen Druckerei sich in der Bahnhofstraße befand (siehe Foto). Ab 1922 gab dann Karl Ernst Schulze die „Tageszeitung für Biesdorf – Kaulsdorf – Mahlsdorf“ bzw. die „Nachrichten für Biesdorf, Marzahn, Kaulsdorf und Mahlsdorf“ heraus. Leider haben sich von diesen Lokalblättern nur einige wenige Exemplare erhalten.

Immer mehr Restaurants öffneten, die am Wochenende auch zahlreiche Berliner zu einem Ausflug anlockten. Mit dem 1906 eröffneten Seebad „Königstal“ wollte Mahlsdorf sogar ein Kurort werden. Damit wurde es leider nichts, denn nach der Inbetriebnahme des Wassserwerkes Kaulsdorf 1916 verlandete der See. Vor 1939 gab es 39 Gaststätten in Mahlsdorf, wie Karl-Heinz Gärtner ermittelte. Drei von ihnen bestehen noch, alle in der Hönower Straße, auch wenn sie längst und teils mehrfach Namen, Betreiber und Angebot gewechselt haben: das „Mahlsdorfer Wappen“ (heute „Cocktailbar Mambo“), der „Nordstern“ (heute Steakhaus Barbecue) und der „Mahlsdorfer Krug“ (heute „Trattoria Pane e Vino“).

Ein reges Vereins- und Kulturleben entwickelte sich. Dem 1892 als einem der ersten gegründeten und bis heute bestehenden Männergesangverein „Männerchor Eintracht 1892 e.V. Berlin-Mahlsdorf“ folgten Dutzende weitere Vereine, Clubs und Gesellschaften. Eine besondere Rolle spielten die Haus- und Grundbesitzervereine als Interessenvertretung derjenigen Zugezogenen, die sich ein Haus erbaut hatten. Nicht wenige dieser Vereine nutzten die Restaurants als ihr Vereinslokal. Auch Kinofilme, von denen die ersten 1913 zu sehen waren, wurden in den Sälen von Gaststätten gezeigt. In nur wenigen Jahrzehnten hatte sich das Leben und Treiben in Mahlsdorf grundlegend gewandelt.

Wir haben noch eine Bitte: Viele von Euch (bzw. Eure Familien) leben seit Jahrzehnten und sogar Jahrhunderten in Mahlsdorf. Sollten sich also alte Fotos, Karten oder Schriftstücke zu Mahlsdorf in Eurem Besitz befinden, wäre es toll, wenn wir diese veröffentlichen könnten. Schreibt uns diesbezüglich gern an hier per PN, unter MahlsdorfLive@gmail.com oder unter 017630728478.

Hier unsere älteren Berichte zur Mahlsdorfer Geschichte:
💢Die erste urkundliche Erwähnung: https://www.facebook.com/103892096701735/posts/830721877352083/?d=n

💢So lebten die Menschen vor 9000 Jahren auf dem heutigen Mahlsdorfer Gebiet: https://www.facebook.com/103892096701735/posts/839225906501680/?d=n

💢Das geteilte Dorf: https://www.facebook.com/103892096701735/posts/849809612109976/?d=n

💢Mahlsdorf um 1600: https://www.facebook.com/103892096701735/posts/871175036640100/?d=n

💢Als Schweden Mahlsdorf im Dreißigjährigen Krieg verwüsteten: https://www.facebook.com/103892096701735/posts/891961701228100/?d=n

💢Das Mahlsdorfer Rathaus stand nur 32 Jahre: https://www.facebook.com/103892096701735/posts/841966252894312/?d=n

💢14 Mahlsdorfer kämpften gegen Napoléon Bonaparte: https://www.facebook.com/103892096701735/posts/911295455961391/?d=n

💢Familie Schrobsdorff – ihnen gehörte das Rittergut Mahlsdorf: https://www.facebook.com/103892096701735/posts/921491578275112/?d=n

💢Als Mahlsdorf vor 120 Jahren plötzlich schick wurde: https://www.facebook.com/103892096701735/posts/950790865345183/?d=n

Foto: Druckerei von Ambrosius Paritschke/Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf
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