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Sonntag, Juni 13, 2021
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Gemäßigt oder Wolf im Schafspelz? Vadim Derksen von der AfD will Mahlsdorf im Berliner Parlament vertreten

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Im kommenden Herbst bekommt Mahlsdorf einen oder eine neue Wahlkreisabgeordnete/n. Der bisherige Mandatsträger Mario Czaja (CDU) tritt nicht mehr für einen Sitz im Berliner Abgeordnetenhaus an, er versucht bei der gleichzeitig stattfindenden Bundestagswahl einen Platz im deutschen Parlament zu ergattern („Alles Mahlsdorf“ berichtete). Für den Platz, den er nach mehr als zwei Jahrzehnten räumt, bringen immer mehr Parteien ihre Kandidaten in Stellung. Am Wochenende bestimmte die AfD ihren Vertreter für den Wahlkreis Mahlsdorf/Kaulsdorf bei der Berlin-Wahl: Vadim Derksen.

Studien zeigen, dass das Verhältnis zwischen Medien und der Alternative für Deutschland (AfD) ein schwieriges ist. Die Politiker fühlen sich oft ungerecht behandelt, viele Journalisten sind wiederum unsicher, wie sie den Rechtspopulisten gegenübertreten sollen. Dieses Spannungsfeld gibt es laut Otto-Brenner-Stiftung im Großen, also zwischen überregionalen Zeitungen und Bundespolitikern wie auch im Kleinen. Womit wir bei Vadim Derksen und „Alles Mahlsdorf“ wären.

Das Gespräch zwischen dem Reporter und dem 33-Jährigen findet via Videokonferenz statt, Derksen sitzt in seinem Büro im Bundestag. Dort arbeitet er als Referent für den bayrischen Abgeordneten Stephan Protschka, am Wochenende scheiterte er bei den internen Marzahn-Hellersdorfer AfD-Wahlen um eine Kandidatur für die kommende Bundestagswahl. Stattdessen wird der derzeitige Bezirksstadtrat Thomas Braun versuchen ein Mandat im deutschen Parlament zu ergattern. Derksen macht, menschlich gesehen, einen durchaus sympathischen Eindruck. Er ist offen, lächelt, spricht klar und strukturiert, ohne um den heißen Brei herumzureden, macht aus seiner Vita kein Geheimnis. Geboren wurde Vadim Derksen im sibirischen Altai-Gebirge, im Grenzgebiet von Kasachstan, Russland, der Mongolei und China. Als Kleinkind kam er mit seinen Eltern nach Deutschland, fand in Nordrhein-Westfalen seine Heimat. Zum Studieren, Wirtschaftsingeneurwesen und Maschinenbau, ging er 2012 nach Regensburg, einen Abschluss machte er nicht. Mit Protschka kam er 2017 nach Berlin, fand mit seiner Frau und den drei Kindern in Mahlsdorf eine neue Heimat. Seine Familie zeigt er öffentlich auf seinem Instagram-Account: „Ich möchte Menschen, die sich für mich interessieren, zeigen was mich ausmacht, ich möchte authentisch sein“, so Derksen. Sollte er Mahlsdorf ab dem kommenden Herbst als Direktkandidat im Abgeordnetenhaus vertreten, will sich Vadim Derksen dort für mehr Schulplätze einsetzen, für die Sanierung von Straßen und Gehwegen in unserem Ortsteil sowie die Schaffung von Wohnraum in Mahlsdorf (u.a. durch Senkung von Denkmalschutzauflagen).

So weit, so gut. Denn neben dem angenehmen Menschen gibt es auch den politischen Akteur Vadim Derksen. Und betrachtet man diesen, kommt einem unweigerlich die Redewendung vom Wolf im Schafspelz in den Sinn, und das nicht nur, weil er von wenigen Tagen politische Gegner auf Twitter als „Linke Honks“ bezeichnete.

In die AfD ist Derksen 2015 eingetreten, im Jahr der Flüchtlingskrise, auch wenn er als Russlanddeutscher seinen Migrationshintergrund betont. Im Folgejahr, Vadim Derksen ist bereits stellvertretender Vorsitzender des AfD-Kreisverbands Regensburg, sorgt er für mächtig Wirbel – weil er bei einer Demonstration der laut Verfassungsschutz „rechtsextremistischen“ und „rassistischen“ Identitären Bewegung mitläuft. Im Rückblick betrachtet Vadim Derksen seine dortige Teilnahme als „naiv“, er war bei der IB jedoch nie Mitglied oder aktiv, und schließlich wäre es ja die erste Demo in seinem Leben. Fotos von damals zeigen ihn aber neben einem „Junge Freiheit“-Autor und einem Aktivisten der verbotenen Neonazi-Kameradschaft „Freies Netz Süd“. Derksen bekam Probleme. „Meinem Arbeitgeber, einer Software-Firma, passte nicht, dass ich mich öffentlich für die AfD zeigte, unsere Wege trennten sich.“

Vadim Derksen schloss sich Stephan Protschka an und kam nach Berlin. Der Niederbayer stand dem „Flügel“ nah, jener mittlerweile zumindest offiziell aufgelösten Gruppierung innerhalb der AfD, in der sich völkisch-nationalistische und rechtsextreme Kräfte um den Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke sammeln. Auch in Berlin sogt Vadim Derksen für Irritationen. Im November 2019 wird im polnischen Bytom, früher Beuthen, ein Kriegsdenkmal errichtet. Unter dem Eisernen Kreuz sind acht Spender eingemeißelt. Unter anderem: Stephan Protschka, die vom Verfassungsschutz beobachtete Burschenschaft Markomannia Wien zu Deggendorf, die Junge Alternative Berlin (Vadim Derksen ist da im Vorstand der AfD-Jugendorganisation) – und die „Jungen Nationalisten“, die Jugendorganisation der NPD. Nachdem das gemeinsame Wirken von AfD und NPD öffentlich wird, löscht der Bundestagsabgeordnete Protschka sämtliche Fotos auf seinen Seiten in den sozialen Medien, der „Nationalisten“-Schriftzug wird auf dem Denkmal zugespachtelt.

Vadim Derksen selbst bezeichnet sich als gemäßigter Normalbürger und stellt klar, dass er sich nicht zum „Flügel“, also zum äußersten rechten Rand der AfD, zählt. Bei der „Jungen Alternative“, dessen Vorsitzender er ist, habe er Mitglieder mit NPD-nahmen Gedankengut rausgeschmissen und sorgt nach eigener Aussage für eine klare Abgrenzung zu den Rechtsextremen. Allerdings hat der Verfassungsschutz den JA-Bundesverband auch schon wegen extremistischer Bestrebungen unter Beobachtung genommen, unter anderem auch weil der damalige Berliner JA-Chef David Eckert im August 2018 bei Facebook über ausländische Kindergeldempfänger hetzt und sagte, „Deutschland wird in einer Größenordnung ausgeplündert, wie man es nur aus Kriegszeiten kennt.“

Vadim Derksen aus Mahlsdorf will trotz einer möglichen Beobachtung seiner Partei durch den Verfassungsschutz „besonnen“ weitermachen, sich auch von körperlichen Angriffen gegen ihn nicht einschüchtern lassen. Das mag ein Pluspunkt für den Menschen Vadim Derksen sein. Beim politischen Akteur Vadim Derksen bleibt ein mulmiges Bauchgefühl. Und die Frage, ob man beides trennen kann.

Hier unsere Berichte über die anderen bislang feststehenden Kandidaten für den Wahlkreis Mahlsdorf/Kaulsdorf:

Stefanie Wagner-Boysen tritt für die Linke an: https://alles-mahlsdorf.de/3255-2/

SPD nominiert 23-jährige Ärztin für den Wahlkreis Mahlsdorf: https://alles-mahlsdorf.de/fuer-kommende-wahl-spd-nominiert-23-jaehrige-aerztin-fuer-den-wahlkreis-mahlsdorf/

So tickt und lebt Katharina Günther-Wünsch: https://alles-mahlsdorf.de/sie-ist-die-top-favoritin-auf-die-nachfolge-von-mario-czaja-so-tickt-und-lebt-katharina-guenther-wuensch/

Mario Czaja hört nach 21 Jahren als Wahlkreisabgeordneter auf: https://alles-mahlsdorf.de/exklusiv-mario-czaja-hoert-nach-21-jahren-als-mahlsdorfer-abgeordneter-auf/

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