102 Jahre alte Berliner Fußball-Bibel: Ein Mahlsdorfer will die „FuWo“ retten

Als im vergangenen Herbst das Aus der „Fußball-Woche“ verkündet wurde, glich dies für viele Fußballbegeisterte in der Hauptstadt einem emotionalen Erdrutsch. Nach mehr als 100 Jahren erschien im Oktober die letzte Ausgabe der traditionsreichen Zeitung, die als Chronistin und Herzstück des Berliner Amateurfußballs galt. Nun soll es eine Auferstehung geben. Initiiert von Tino Loest, Vorsitzender von Eintracht Mahlsdorf.

 

„Wir müssen für das Projekt brennen. Hier geht es nicht primär darum Geld zu verdienen, sondern darum, eine Institution zu retten. Jetzt gilts!“ Am Montag lud Loest gemeinsam mit seinem Vater Thomas rund 20 handverlesene Interessenten in den alten Redaktionsräumen der „Fußball-Woche“ in der Schöneberger Lützowstraße ein, sprach bestimmt, eindringlich. Unter den Versammelten waren alte Weggefährten, ehemalige Redaktionsmitglieder, Amateurfußball-Reporter, Unterstützer. „Packt bitte mit an. Helft mit. Ich bin überzeugt, dass wir die Fußball-Woche wieder zum Fliegen kriegen“, motivierte Loest. Die Ohren der Zuhörer lauschten Loest, die Augen lagen auf den hinter ihm befindlichen Regalen voller blaue Archivbände mit „FuWo“-Ausgaben aus den 1970ern.

 

Im Winter übernahm der 40-Jährige die Markenrechte und Vermögenswerte der „Fußball-Woche“, vor rund zwei Wochen ging der Kauf auch juristisch über die Bühne.  Loests persönliche Geschichte mit der „FuWo“ begann früh. „Mit sechs oder sieben Jahren“, sagt Loest im Interview mit dem „rbb“, habe er sie zum ersten Mal bewusst gelesen. Sein Vater sammelte die Zeitung seit der Wende, montags lag sie stets auf dem Tisch. Für den jungen Fußballer war das Ritual: Ergebnisse prüfen, Tabellen studieren, nachsehen, wer erwähnt wurde. In den Mannschaften, in denen er später selbst spielte, habe die Zeitung Kultstatus gehabt. Wer als bester Spieler genannt oder auf einem Foto zu sehen war, habe sich Anerkennung, und nicht selten eine ausgegebene Bierrunde, verdient. Auch im Vereinsheim von Eintracht Mahlsdorf am Rosenhag sei die aktuelle Ausgabe bis zuletzt selbstverständlich gewesen. Entsprechend groß war der Schock, als das Ende verkündet wurde. Die emotionale Bindung zwischen Amateurfußball und Zeitung sei enorm gewesen. Noch 2024 hatte Loest seinem Vater zum Abschied aus dem Vereinsvorstand eine eigens gestaltete Sonderausgabe mit 26 Jahren Vereinsgeschichte geschenkt. Inklusive Tabellen, Auf- und Abstiegen.

 

Die Idee, die Zeitung zu übernehmen, sei „eigentlich sofort“ entstanden. Zunächst hätten Gespräche über eine Rettung der alten GmbH im Raum gestanden. Dafür wären jedoch rund 300.000 Euro nötig gewesen, um sämtliche Verpflichtungen zu übernehmen. Stattdessen entschied sich Loest, gemeinsam mit Partnern die Vermögenswerte aus der Insolvenz heraus zu kaufen. Im Dezember wurde der Vertrag unterschrieben, samt Archiv und Internetauftritt. Seitdem arbeitet das Team an einem strukturellen und inhaltlichen Neustart. Gesucht werden neue Chefredakteure ebenso wie freie Mitarbeiter. „Jeder, der Lust hat, in irgendeiner Form über den regionalen Fußball zu berichten, ist willkommen“, sagt Loest. Ein zentraler Unterschied zur alten Struktur: Künftig soll nicht mehr vom Print her gedacht werden. Die neue „FuWo“ setzt zunächst auf digitale Präsenz. Website und App befinden sich im Aufbau. Ziel sei es, neben den treuen Lesern auch jüngere Fußballerinnen und Fußballer zu erreichen.

 

Gleichzeitig bleibt das gedruckte Heft ein wichtiger Bestandteil. Loest ist überzeugt, dass es ein physisches Produkt braucht, für das Leser bereit sind, rund fünf Euro zu zahlen. Rein digitale Bezahlmodelle sieht er skeptisch. Deshalb sollen sowohl Design als auch Werbekonzept neu gedacht werden. Gespräche mit potenziellen Premiumpartnern laufen bereits. Inhaltlich will sich die neue „FuWo“ klar positionieren. „Die Regionalliga wird von der Wertigkeit her unsere Bundesliga sein“, sagt Loest. Über die Profiligen gebe es bereits umfangreiche Berichterstattung. Die FuWo solle stattdessen die vierte Liga, mit traditionsreichen Vereinen wie dem DDR-Rekordmeister BFC Dynamo, Carl Zeiss Jena, Chemie und Lok Leipzig, dem Halleschen FC oder Rot-Weiß Erfurt  und alle darunterliegenden Spielklassen in den Mittelpunkt stellen. Also genau jenen Bereich, der sie einst stark gemacht hat.

 

Zur Finanzierung setzt Loest auf mehrere Bausteine. Gespräche mit dem Berliner Fußball-Verband und dem Nordostdeutschen Fußballverband laufen, Fördermittel beim DFB sollen beantragt werden. Zudem ist rund um Ostern eine Crowdfunding-Aktion geplant, um den Neustart zu ermöglichen und die Resonanz zu testen. Wenn alles nach Plan läuft, soll es bereits im April erste digitale Inhalte geben, als Vorgeschmack auf das neue Konzept. Zum Saisonstart sind bis zu drei Sonderhefte geplant. Neben einer klassischen Ausgabe soll es auch ein Heft zum Frauenfußball geben. Zudem will die Redaktion über neue Formate wie die „Icon League“ (unter anderem besitzen Weltmeister Toni Kross  sowie der Streamer Elias Nerlich Anteile) berichten, um jüngere Zielgruppen anzusprechen.

 

Mit dem ersten Spieltag der kommenden Saison soll schließlich die reguläre Ausgabe der neuen „FuWo“ erscheinen. Loest formuliert es selbstbewusst: Man wolle den Menschen zeigen, „was für ein geiles Produkt die FuWo ist“ und gleichzeitig Unternehmen eine attraktive Zielgruppe bieten. Ob der Neustart gelingt, wird sich zeigen. Im Treffen am Montag wurden Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit Entwicklung und Neuausrichtung beschäftigen. Die Zeit drängt, aber es herrschte Aufbruchsstimmung. Sicher ist: Die Sehnsucht nach einer Zeitung, die den Berliner Amateurfußball Woche für Woche sichtbar macht, ist noch immer da. Und die will der Mahlsdorfer Tino Loest zum Leben erwecken.

Tino Loest, Vorsitzender von Eintracht Mahlsdorf, will das Traditionsmagazin "Fußball-Woche" retten.

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