Mahlsdorf ist im vergangenen Jahr zunehmend Schauplatz rechtsextremer Aktivitäten geworden. Von neonazistischer Propaganda über Bedrohungen bis hin zu einem gewalttätigen Angriff zeigt sich eine besorgniserregende Entwicklung. Auch wenn die Vorfälle marginal und quantitativ wenig erscheinen, sind sie Teil eines berlinweiten Anstiegs. In Mahlsdorf konzentrieren sie sich auffällig auf öffentliche Räume wie Bahnhöfe, Haltestellen und rund um Sportstätten. Das zeigt der aktuelle Jahresbericht des „Berliner Register“.
Ein Schwerpunkt der Aktivitäten lag auf rechtsextremer Propaganda. Am Bahnhof Mahlsdorf wurden im Laufe des Jahres wiederholt neonazistische Aufkleber entdeckt, darunter NS-verherrlichende Motive wie „I ♥ Hitler“, rassistische Parolen wie „Abschieben schafft Sicherheit“ sowie Aufkleber aus bekannten Neonazi-Versandshops. Mehrfach richteten sich die Inhalte explizit gegen Antifaschist:innen oder andere politische Gegner:innen der extremen Rechten. Auch der Neonazi-Zahlencode „1161“, der für „Anti-Antifa“ steht, tauchte mehrfach als Schmiererei im Ortsteil auf.
Besonders häufig traten dabei Akteure aus dem Umfeld der neonazistischen Partei „Der III. Weg“ in Erscheinung. Deren Sticker und Graffiti wurden unter anderem am Bahnhof, am Rosenhag sowie im Straßenraum entdeckt. Auch Materialien der Partei „Die Heimat“ (ehemals NPD) und Bezüge zum Ku-Klux-Klan wurden dokumentiert. Die Vielzahl der Funde deutet darauf hin, dass Mahlsdorf gezielt als Raum für Sichtbarkeit und Einschüchterung genutzt wird. Neben Propaganda kam es auch zu Bedrohungen und Gewalt. Am Neujahrstag 2025 wurde eine Person am Bahnhof angegriffen, nachdem sie einen neonazistischen Aufkleber unkenntlich gemacht hatte. Ein unbekannter Mann beschimpfte, trat und bedrohte die betroffene Person mehrfach mit dem Tod. Nur das Eingreifen seiner Begleiterin verhinderte weitere Angriffe.
Auch im Kontext von Sportveranstaltungen wurde rechtsextremes Verhalten sichtbar. Beim Fußballspiel zwischen Eintracht Mahlsdorf und Tennis Borussia wurden von bislang Unbekannten nach Spielende TeBe-Fans bedroht, die für ihr soziales und diskriminierungskritisches Engagement bekannt sind. Zudem wurde ein Hitlergruß gezeigt und ein geschmiertes Hakenkreuz an einem Lichtmast am Sportgelände entdeckt.
Die dokumentierten Fälle stammen aus Meldungen an das „Berliner Register“, ein landesweites zivilgesellschaftliches Monitoringprojekt. Das Register erfasst seit 2008 rechte, rassistische, antisemitische, LGBTIQ-feindliche und andere diskriminierende Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze ebenso wie Straftaten. Grundlage sind Hinweise von Betroffenen, Anwohner:innen, Initiativen und Beratungsstellen. Ziel des Projekts ist es, rechte Entwicklungen sichtbar zu machen, lokale Schwerpunkte zu erkennen und Politik sowie Zivilgesellschaft eine fundierte Datengrundlage für Gegenstrategien zu liefern. Der gesamte Bezirk Marzahn-Hellersdorf war 2024 laut kürzlich veröffentlichtem Jahresbericht mit 1052 gemeldeten Vorfällen unrühmlicher Spitzenreiter in ganz Berlin. Bestätigt wird dies durch eine am Dienstag veröffentlichte Antwort der Senatsverwaltung für Inneres auf Anfrage der Grünen-Abgeordneten Dr. Susanna Kahlefeld und André Schulze. Die Straftaten unter dem Stichpunkt „Politisch motivierte Kriminalität rechts“ waren im ersten Halbjahr 2025 mit 192 in Marzahn-Hellersdorf nach Mitte und Tempelhof-Schöneberg die drittmeisten in Berlin.
Gleichzeitig berichten Betroffene, dass nicht alle Anfeindungen gemeldet werden. Angst, Ohnmachtsgefühle und mangelndes Vertrauen in staatliche Reaktionen führen dazu, dass viele Vorfälle im Dunkeln bleiben. Zivilgesellschaftliche Initiativen vor Ort betonen daher die Notwendigkeit von Präventionsangeboten, Unterstützung für Betroffene und einer klaren Haltung gegen rechte Raumnahme.
Die Vorfälle in Mahlsdorf stehen vor allem im Zusammenhang mit dem Erstarken jugendlicher Neonazi-Strukturen in Marzahn-Hellersdorf. Gruppen wie „Deutsche Jugend voran“ oder lose rechtsextreme Cliquen treten zunehmend selbstbewusst auf, nutzen Sticker, Graffiti und öffentliche Einschüchterung zur Machtdemonstration und richten sich gezielt gegen politische Gegner. Mahlsdorf ist kein rechtsextremer Ortsteil – doch die Entwicklungen des fast vergangenen Jahres zeigen, dass demokratisches Engagement und Aufmerksamkeit weiterhin dringend notwendig sind





