Das Ende einer Ära: Wehrleiter Peter Scholz in den Ruhestand verabschiedet

In 46 Dienstjahren hat Peter Scholz viel erlebt: Großbrände, Verkehrsunfälle, Sturzgeburten und tierische Rettungsaktionen. Viele Happy Ends waren darunter, aber auch so manche Tragödie und einige Katastrophen. Am 1. Juli ist der langjährige Wehrleiter mit einem lachenden und einem weinenden Auge in die Ehrenabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Mahlsdorf gewechselt. Was bleibt, sind haufenweise Erinnerungen, eine kleine, aber gut aufgestellte Truppe und ein bislang unerfüllter Wunsch: die dringend benötigte neue Wache für den wachsenden Ortsteil.

 

Als kleiner Junge hat Peter Scholz nie den Traum gehegt, eines Tages Feuerwehrmann zu werden. Im Alter von 18 Jahren änderte sich seine Einstellung. „Ich hatte einfach das Bedürfnis, anderen Menschen zu helfen“, sagt er. Ehrenamtlich – neben dem Beruf als Funksendetechniker und späterer Kfz-Elektriker – wollte er einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten und schloss sich 1976 den freiwilligen Brandbekämpfern aus Mahlsdorf an. 1991 folgte die Wahl in die Wehrleitung, an deren Spitze er 2004 rückte.

Job, Familie und Ehrenamt miteinander zu vereinbaren, sei ihm nicht immer leichtgefallen, so Scholz. Allen Neulingen rät der Feuerwehrmann heute: „Dein Job muss sicher sein und die Familie einverstanden, erst dann kannst du zu uns kommen.“ Er selbst hat drei- bis viermal pro Woche Dienst in der Donizettistraße geschoben – und das Monat für Monat und Jahr für Jahr. 

 

Bye-bye mit großem Brimborium 

Nun aber müssen Jüngere ran. Bis zu den Neuwahlen im September übernimmt der bisherige Stellvertreter Steffen Nagel kommissarisch die Leitung. Für Peter Scholz ist es kein kompletter Abschied. Er bleibt Ehrenmitglied und steht seinen Kameradinnen und Kameraden weiterhin mit Rat und Tat zur Seite. Auf seinen riesigen Erfahrungsschatz werden die 17 Aktiven nicht verzichten wollen. Auch der Vorsitzende des Fördervereins, Torsten Kiesner, ist voll des Lobes für den 64-jährigen Mahlsdorfer. Der sei extrem engagiert und stets erreichbar gewesen, habe von allem, was er tat, Ahnung gehabt und werde fehlen. Entsprechend groß zog seine Wache gemeinsam mit dem Landesfeuerwehrverband auch Ende Juni die Verabschiedung auf. „Sie haben mich wirklich eiskalt erwischt“, gesteht Scholz. „Ich wurde mit Polizeieskorte abgeholt und in einem Museumsauto quer durch den Bezirk und die Nachbargemeinden gefahren.“

 

Schwere Schicksale und kuriose Rettungsaktionen

Nach den prägendsten Ereignissen in seiner fast fünf Jahrzehnte währenden Laufbahn gefragt, muss der Dreifachpapa nicht lange überlegen. Der Unfalltod einer jungen Frau Anfang der 90er Jahre in Hoppegarten habe sich tief ins Gedächtnis eingebrannt. „Sie ist mir unter den Fingern weggestorben“, erinnert er sich. Tragisch sei auch das Schicksal eines Vater-Sohn-Gespanns gewesen, das nur noch tot aus einer Jauchegrube geborgen werden konnte. Die zwei hatten eine Reinigungsfirma. Mit unzureichender Schutzausrüstung war der Sohn zum Kärchern in die Grube gestiegen. „Er hatte die Stickgase unterschätzt und wurde ohnmächtig. Der Vater eilte hinterher und verlor ebenfalls das Bewusstsein.“ 
Doch es bleiben nicht nur traurige Geschichten in Erinnerung, auch schöne und kuriose: Einmal wurde Peter Scholz mit seinen Kameraden nach Mahlsdorf-Süd gerufen, um ein Kaninchen aus der Regenrinne eines zweigeschossigen Einfamilienhauses zu retten. Wie sich herausstellte, hatte ein Junge das Haustier seiner Schwester im Streit aus dem Dachfenster geschmissen. Der flauschige Nager überlebte den fiesen Angriff.

 

Mahlsdorf hat ein Rettungswagenproblem

Auf keinen Fall vermissen wird das Feuerwehr-Urgestein den bürokratischen Aufwand, der in den letzten Jahren überhandgenommen habe. „Uns werden heute Aufgaben übertragen, die früher die Feuerwehr als Behörde erledigt hat“, bemerkt Peter Scholz. Kritik übt er auch am hohen Weiterbildungspensum, das die Ehrenamtlichen jährlich abspulen müssen. So sei im Frühjahr der lang erkämpfte große Rettungswagen (RTW) von der Mahlsdorfer Wache abgezogen worden, weil die ausgebildeten Rettungsassistenten nicht die volle Anzahl der geforderten Weiterbildungsstunden erbringen konnten. „Was da verlangt wird, schaffen nicht mal Berufsfeuerwehrleute.“ Denn schließlich sei in Berlin der Ausnahmezustand zum Dauerzustand geworden und alle würden an der Belastungsgrenze arbeiten.

Für die Freiwilligen Feuerwehrleute aus Mahlsdorf bedeutet der Verlust ihres RTW, dass sie nun wieder mit einem zum „First Responder“ umgerüsteten Opel Corsa zu Notfällen ausrücken müssen, um mit Erster Hilfe die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes zu überbrücken. Schwierige Rahmenbedingungen wie diese erleichtern Peter Scholz den Abschied. Künftig wird er sich weniger mit den Schattenseiten und der mitunter mangelnden Wertschätzung des Ehrenamts herumärgern müssen.

 

Die neue Wache lässt weiter auf sich warten

Dazu gehört auch der längst überfällige Neubau. Bekanntlich ist die bestehende Wache neben der Friedrich-Schiller-Grundschule viel zu klein und nicht mehr zeitgemäß. Der Großteil des Gebäudes wurde vor 120 Jahren errichtet. Es gibt keine Umkleiden und Feuchtigkeit durchzieht das marode Mauerwerk. Die Warteliste für die Jugendfeuerwehr wächst wegen des Platzmangels unaufhaltsam.

Nach langem Hin und Her wurde 2020 endlich ein Grundstück in der Straße An der Schule gefunden, auf dem eine XL-Wache mit fünf Toren und einem Rettungswagenstützpunkt errichtet werden soll. Doch die Planungen gehen seither – wenn überhaupt – nur im Schneckentempo voran. Die Eigentümerin TLG soll das Gelände an das Land Berlin veräußern. Ein Durchbruch bei den Gesprächen zwischen der Treuhandnachfolgerin und der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) bahnt sich nicht an. Den Eindruck teilt auch die in Marzahn-Hellersdorf für Stadtentwicklung zuständige Stadträtin Juliane Witt (Linke). Sie hatte sich bei der TLG vor einigen Wochen nach dem Stand der Verhandlungen erkundigt.

 

„Enormes Gefahrenpotenzial“

Peter Scholz kann darüber nur den Kopf schütteln. Mahlsdorf wachse rasant. „Wir haben hier 30.000 Einwohner und mit diversen Möbelhäusern, Tankstellen, dem Gewerbegebiet und unseren Recyclinghöfen auch ein enormes Gefahrenpotenzial.“ Drei Großbrände habe er im Ortsteil bereits erlebt. Das eine Mal seien bei Alba mitten im tiefsten Winter Plastikabfälle in Brand geraten. „Wir haben das Feuer erst nach fünf Tagen gelöscht bekommen. Wegen der riesigen Rauchsäule musste sogar der Flugverkehr in Schönefeld eingestellt werden.“ Eine größere Wache mit einer schlagkräftigen Truppe werde schleunigst gebraucht. 

 

Wenigstens hat sich bei dem Projekt in Sachen Finanzierung etwas getan. Wie der Grünen-Abgeordnete Stefan Ziller kürzlich vermeldete, wurde vom Abgeordnetenhaus eine „Verpflichtungsermächtigung“ in Höhe von 7,5 Millionen Euro ab dem Jahr 2023 beschlossen. Damit könne die BIM mit der Umsetzung des Vorhabens beauftragt werden, sagt Ziller. Für den CDU-Abgeordneten Alexander J. Herrmann fällt die Meldung unter „politisches Marketing“. Denn bei dem Geld handelt es sich um eine Zuweisung an das Sondervermögen Immobilien des Landes Berlin (SILB) für alle drei in Berlin geplanten Feuerwehr-Ersatzneubauten – gestreckt über vier Jahre: Mahlsdorf stehe in der Prioritätenliste hinter Wilhelmshagen und Müggelheim an Platz drei. Die Situation sei unverändert: Weder der Grundstückserwerb noch der Bau der Wache in Mahlsdorf ist konkret finanziert. „Man macht hier den Kameradinnen und Kameraden weiterhin Hoffnung, ohne dass es vorangeht.“ Herrmann sieht nur eine Möglichkeit, die TLG zu ernsthaften Verkaufsgesprächen an den Tisch zu bekommen: Der Bezirk müsse den Bebauungsplan für das Gebiet so anpassen, dass das Unternehmen dort auch einige Wohnungen errichten könne. Das wäre auch für die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr interessant, die auf kurze Wege zu ihrer Wache angewiesen sind. Hierfür müssten Senat und Bezirk endlich an einem Strang ziehen.

 

Feuerwehr feiert am 10. September 120-Jähriges

Da noch völlig offen ist, wann das Grundstück bereitsteht, erkundigte sich Stefan Ziller bei der SPD-geführten Innenverwaltung nach einer möglichen Übergangslösung, bis der Neubau steht. Doch Planungen in diese Richtung gibt es nicht: „Weitere bauliche Verdichtungen für eine Interimsmaßnahme sind auf dem Grundstück der Feuerwache oder auf dem Nachbargrundstück der Schule nicht möglich“, heißt es dazu kurz und knapp aus der Pressestelle. 

 

Wenn Peter Scholz gemeinsam mit seinen Kameradinnen und Kameraden am 10. September 120-jähriges Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr Mahlsdorf feiert, wird der Geburtstagswunsch, endlich eine verlässliche Zeitschiene für die neue Wache zu erhalten, wohl unerfüllt bleiben.

 

Dieser Artikel wurde am 21. Juli um 15.20 Uhr aktualisiert. 

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