Es ist ein Stück Mahlsdorfer Geschichte. Zwar liegt das Ereignis bereits 60 Jahre zurück, liest sich beim Stöbern im Bundesarchiv aber noch immer spannend. „Alles Mahlsdorf“ dokumentiert die abenteuerliche Flucht eines Mahlsdorfers aus der DDR. Und zwar nicht irgendeines. Sondern eines festen Bestandteils des Eishockeyteams des SC Dynamo Berlin, dem Vorgängerverein des heutigen deutschen Rekordmeisters Eisbären Berlin.
Es sollte ein sportliches Freundschaftstreffen werden. Doch für Peter Maus aus Mahlsdorf endete der Ausflug zu den Winterfestspielen der finnischen Arbeitersportorganisation TUL im März 1963 in einem politischen Erdbeben. Während der SC Dynamo Berlin in Nordfinnland drei Freundschaftsspiele absolvierte, entschloss sich der 22-jährige Verteidiger gemeinsam mit seinem Teamkollegen Michael Mauer, die DDR-Delegation zu verlassen und im Westen politisches Asyl zu beantragen. Und zwar so:
Der interne Bericht des Ministeriums für Staatssicherheit, heute im Stasi-Unterlagen-Archiv einsehbar, zeichnet den Weg der Flucht minutiös nach. Und offenbart zugleich, wie überraschend der Schritt für Trainer, Funktionäre und die Sicherheitsorgane kam. Die Delegation war besonders sorgfältig zusammengestellt worden. Maus galt als politisch zuverlässig, war in seinen Mannschafts- und FDJ-Kollektiven aktiv und hatte sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Der Mahlsdorfer, er lebte in unserem Ortsteil bei seinen Eltern, war seit 1956 Teil der Eishockeysektion des SC Dynamo Berlin und gehörte zur B-Nationalmannschaft. Er wurde 1940 in Berlin geboren und war hauptberuflich Hauptwachtmeister der Volkspolizei auf einem Abschnitt in Mitte.
Dennoch sollten die Verantwortlichen bald feststellen, dass politische Loyalität auf dem Papier nicht vor Entschlüssen schützte, die fernab der Heimat unter völlig anderen Umständen reiften. Schon beim ersten Spiel der DDR-Auswahl in Kajaani am 8. März tauchten mehrere deutschsprachige Männer auf, die sich als Monteure der Firma Mannesmann aus Düsseldorf ausgaben. Die Delegationsleitung reagierte alarmiert: Maus und sein zwei Jahre jüngerer Mitspieler Michael Mauer suchten auffällig intensiv den Kontakt zu den Spielern, wurden aber konsequent abgewiesen.
Dennoch kam es – trotz ausdrücklichen Verbots – zu kurzen Gesprächskontakten. Was genau dort besprochen wurde, blieb unklar. Doch die Stasi hält in ihrem Bericht fest, dass Maus an diesem Abend mehrfach Kontakt zu den Westdeutschen hatte. Am 10. März, dem letzten Abend vor der Rückreise, war die Delegationsleitung zu einem offiziellen Abschiedsessen eingeladen. Die Spieler blieben derweil im Hotel, wo im öffentlichen Tanzsaal Musik gespielt wurde und erneut dieselben Westdeutschen auftauchten.
Während einige Sportler früh zu Bett gingen, blieben Maus und Mauer mit dem Kapitän im Saal. Maus verließ mehrfach den Raum und begründete dies gegenüber Mitspielern mit einem Treffen mit einem finnischen Mädchen. Gegen 1 Uhr wurden die beiden zuletzt gesehen. Kurz darauf waren sie, ebenso wie ihre persönlichen Sachen, verschwunden. Niemand bemerkte die Flucht unmittelbar. Erst als Kapitän Frenzel später nach Maus sehen wollte, stellte er fest: Die Taschen beider Spieler waren gepackt, die Zimmer leer.
Erst am Abend des 11. März informierten finnische Behörden die DDR-Vertreter. Peter Maus aus Mahlsdorf und Mauer seien über die finnisch-schwedische Grenze gegangen und hätten in Schweden politisches Asyl beantragt. Westliche Medien berichteten darüber bereits am 13. März ausführlich. Für die DDR war die Republikflucht nicht nur ein sportlicher Verlust, sondern vor allem eine politische Blamage.
Nach der Rückkehr des SC Dynamo wurden Untersuchungen gegen die gesamte Delegation angekündigt. Die Stasi prüfte, ob Kontakte zu Westdeutschen hätten verhindert oder früher erkannt werden können. Trainer und Mannschaftsleitung gerieten unter Rechtfertigungsdruck. Für Peter Maus hingegen begann in Schweden ein neues Leben, weit entfernt vom repressiven Umfeld des DDR-Leistungssports. Ob, wie und wo der Mahlsdorfer heute lebt, ist unklar.





