Am 10. November berichtete „Alles Mahlsdorf“ über ein lange verborgenes Stück Ortsgeschichte, den ehemaligen Luftschutzbunker an der Kieler Straße. Heute ist von dem einst mächtigen Bauwerk kaum mehr zu sehen als eine bewachsene Erhebung hinter Hecken und Zäunen. Doch unter der Oberfläche liegen nicht nur massive Betonreste – sondern auch Erinnerungen.
Anlass des Berichts waren Baupläne des Lebensmittelunternehmens Rewe, das auf dem Gelände einen neuen Supermarkt errichten möchte. Dafür soll ein neuer Bebauungsplan geschaffen werden, denn bislang ist das Areal als Grün- und Spielfläche ausgewiesen. Bevor jedoch gebaut werden kann, müssten die Überreste des gesprengten Bunkers vollständig entfernt werden. Ein aufwendiger Eingriff in den Untergrund und, wie Kritiker betonen, auch in die Geschichte des Ortes.
Im Zuge weiterer „Alles Mahlsdorf“-Recherchen tauchten nun neue historische Zeugnisse auf, die dem Ort eine tiefere Dimension verleihen. Darunter ein altes Foto des Bunkers, das zeigt, wie dominant der mehrgeschossige Hochbunker einst das Umfeld an der Kieler Straße prägte. Errichtet während des Zweiten Weltkriegs, bot er Hunderten Menschen Schutz vor den Luftangriffen auf Berlin. Das Bild tauchte in den Archiven der evangelischen Kirchengemeinde Mahlsdorf auf, diese stellte es „Alles Mahlsdorf“ zur Verfügung. Der Bunker wurde auf dem Areal in den Jahren 1941/42 im Rahmen des nationalsozialistischen Bunkerbauprogramms als viergeschossiger Hochbunker vom Typ 1.200 errichtet. Diese Bunkertypen waren standardisierte Schutzbauten mit einer Grundfläche von etwa 40 × 40 Metern und boten bis zu 1.200 Personen Platz. Nach Kriegsende wurde die Anlage 1946 gesprengt, die Ruine schließlich in den 1950er-Jahren abgetragen.
Besonders eindrücklich ist jedoch ein Zeitzeugenbericht, der 2005 in der „Berliner Zeitung“ veröffentlicht wurde. Darin schildert Horst Adam, wie er als zehnjähriger Junge im Frühjahr 1945 gemeinsam mit seiner Mutter und seinen drei Geschwistern in genau diesem Bunker Tage und Nächte verbrachte und Schutz suchte. Wochenlang lebten sie dort in Enge, Dunkelheit und ständiger Angst vor den Bomben und Soldaten der Alliierten.
Adam beschreibt das nervenzerreibende Warten während der Granateinschläge, den ohrenbetäubenden Lärm und die Todesangst der Menschen im Inneren. So berichtet er unter anderem von einem lebensgefährlichen Gang durch brennende Straßen zurück ins eigene Zuhause, um Lebensmittel zu holen. Seine Mutter war zunächst nicht einverstanden. „Draußen herrschte ein furchtbares Geschieße und Dröhnen von Tieffliegern. Mir gelang es, mich aus Richtung Melanchthonplatz/Am Lupinenfeld kommend bis zur Hauptstraße, der Hönower Straße, vorzuarbeiten. Es brannte an vielen Stellen“, so Adam. Und weiter: „Unser Haus Am Lupinenfeld war nur noch fünfzig Meter entfernt. Ich konnte es gut sehen, denn durch die vielen Explosionen war die Nacht fast taghell erleuchtet. Ein Überqueren der Hönower Straße war jedoch aussichtslos. Der Rückweg zum Bunker erschien mir ewig.“
Außerdem berichtet er von jungen Frauen, die sich aus Angst vor Vergewaltigungen mit dunklen Kopftüchern absichtlich älter machten – und schließlich vom Einmarsch sowjetischer Soldaten am 22. April 1945, die Brot verteilten und den Befehl gaben, den Bunker zu verlassen. „Sie sagten auf Deutsch: Hitler kaputt“. Für seine Familie, so schreibt Adam, war es trotz aller traumatischen Erlebnisse vor allem eines: ein großes Glück, überlebt zu haben. Diese persönlichen Erinnerungen verleihen dem heute unscheinbaren Gelände eine besondere Bedeutung. Der Bunker war nicht nur ein Bauwerk aus Stahlbeton, sondern ein Zufluchtsort, ein Ort der Angst und des Überlebens. Insbesondere für Kinder.
Vor diesem Hintergrund bekommt die aktuelle Debatte um die Zukunft des Grundstücks eine neue Tiefe. Während Befürworter des Rewe-Neubaus auf eine verbesserte Nahversorgung verweisen, mahnen andere, die historische Dimension des Ortes nicht zu übergehen. Der Mahlsdorfer Bunker steht exemplarisch für viele verdrängte Relikte des Krieges, die erst dann wieder sichtbar werden, wenn Baupläne sie ans Licht holen. Ob und wie diese Geschichte im weiteren Planungsverfahren berücksichtigt wird, bleibt offen. Klar ist jedoch: Die Kieler Straße ist mehr als nur ein potenzieller Supermarktstandort. Sie ist ein Ort, an dem sich Vergangenheit und Zukunft unmittelbar berühren.