Hingucker im Ortskern: Familie restauriert historisches Mahlsdorfer Gebäude

Das Leben war ausgehaucht. Das Haus in der Hönower Straße 77 erlebte die Goldenen Zwanziger mit Tänzen im prunkvollen Ballsaal, den Zweiten Weltkrieg, Aufbau und Abriss der Mauer, die Wirbel der Nachwendezeit. Der Verfall aber ließ sich nicht stoppen und so mancher Mahlsdorfer blickte verschämt von der Bushaltestelle auf das Gebäude mit dem bröckelnden braunen Putz und dem windschiefen Dach gegenüber. Bis sich die alteingesessene Mahlsdorfer Familie Müller ein Herz fasst, Geld, Zeit und Kraft investierte. 2013 kauften sie das Haus, eröffneten im Sommer 2020 neben ihrer Bäckerei die „Snackdiele“– und machten sich in den vergangenen Monaten daran, das Haus zu sanieren. Das Ergebnis: Aus dem Schandfleck ein echter Hingucker geworden.

 

„Auch wenn aufgrund der Witterung noch ein paar Kleinigkeiten wie der Sockelputz, die Farbe im Erdgeschoss und die roten Markisen fehlen, bin ich vom bisherigen Ergebnis schwer begeistert“, so Hausbesitzerin Angelika Müller, die mit Ehemann Christian und Sohn Karl die beiden Geschäfte betreibt. Bereits vor zwei Jahren begann sie gemeinsam mit einem Architekten die Pläne für die Fassadensanierung, aufgrund der Corona-Pandemie zog sich jedoch vor allem die Baugenehmigung in die Länge. Als diese da war, wurde das nach einem Bombentreffer im Krieg nur notdürftig zusammengeflickte Dach komplett ausgetauscht und mit Biberschwanzziegeln neu gedeckt.

 

Vor allem tat sich Angelika Müller mit der Fassadenfarbe schwer. „Mir war klar, dass ich etwas Aufregendes mitten im Ortskern für unser Geschäftshaus wollte“. Bei der Fahrt nach Hause entdeckte sie in der Fritz-Reuter-Straße ein neu gebautes Wohnhaus mit einem für Müller spannenden Grüngraublauton – und wurde neugierig. So klingelte sie beim Erbauer des Hauses, dem dahinter wohnenden Architekten Matthias Dahlmann, und bat um eine Farbgestaltung ihrer eigenen Fassade. „Herausgekommen ist die Farbe Vardo, ein tiefes Türkis. Eigentlich ist Vardo ein traditioneller, reich verzierter und von Pferden gezogener Wagen der Roma. Diese strichen mit diesem Türkis ihre durch die Welt fahrenden Heimstätten an“, so Müller. Zusätzlich zu „Vardo“ entschied sie sich gemeinsam mit dem Architekten für die ins weinrot gehende Farbe „DB 310“ (soll die Verbindung zum nebenstehenden roten Haus herstellen), bei Stuck und Schrift für das hellere historische Blau „Oval Room“. Gestaltet wurde die Fassade durch den Mahlsdorfer Stuckateurmeister Jan Friedrich und seiner Stuck-Manufaktur, der die Stuckelemente nach traditioneller Handwerkskunst vor Ort herstellte. „Der Aufwand ist mir die Schönheit des Ortskerns Mahlsdorf aber wert“, so Angelika Müller.

 

Verdient hat es das Gebäude allemal. 1920 wurde es erbaut vom Geschäftsmann Paul Sosnowski. Er richtete im ersten Stock einen Tanzsaal für rund 100 Personen ein, heute befindet sich dort eine Zahnarztpraxis. Im Erdgeschoss gab es zunächst das Café Mahlsdorf und nebenan wie heute eine Bäckerei. In den Jahren 1937 bis 1939 war das Haus Treffpunkt der NSDAP-Ortsgruppe Mahlsdorf. In den 1950er-Jahren übernahm der Großvater des heutigen Bäckermeisters Christian Müller die Bäckerei, das Gesamtgebäude aber wurde zu DDR-Zeiten von der Kommunalen Wohnungsverwaltung (KWV) zwangsverwaltet. Nach der Wende bekamen es die Erben von Paul Sosnowski zurückübertragen. 1989 übernahm Christian Müller von seinem Vater die Inhaberschaft des Familienbetriebs, Sohn Karl ist heute nach seinem Studium ebenfalls im Betrieb tätig und soll, und will auch, das Geschäft später in vierter Generation führen. Und das in einem Gebäude, in das das Leben längst wieder eingehaucht ist.

 

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