„Ich dachte, ich sterbe“: Mahlsdorferin berichtet über sexuellen Missbrauch in der Bundeswehr

„Er hat sich an mich gepresst, ich habe seine Erektion gespürt. Er hat versucht, mich zu vergewaltigen. Er hat mich gewürgt. Ich dachte, dass ich sterbe.“ Die heute 27-jährige Mahlsdorferin Laura Gille berichtet, spürbar aufgewühlt, im ARD-Magazin „Report Mainz“ über einen sexuellen Übergriff in der Bundeswehr. Und über eine Truppe, in der sie sich danach allein gelassen fühlte.

 

„Er hat versucht, mich zu vergewaltigen. Ich dachte, dass ich sterbe. Er hat mich gewürgt.“ Laura Gille sagt diesen Satz nicht laut und selbstbewusst. Ihre Stimme bricht. Die heute 27-Jährige aus Mahlsdorf kämpft in der Kamera sichtbar mit den Tränen, rutscht auf dem Stuhl hin und her. Immer wieder muss sie sich sammeln. Was sie erzählt, liegt Jahre zurück. Doch in diesem Moment wirkt es, als wäre sie wieder dort: in einer Kaserne in Idar-Oberstein, im Oktober 2021.

 

Laura Gille war damals 22 Jahre alt, war Oberleutnant. Mit 18 ist sie zur Bundeswehr gegangen. Nicht, weil sie Abenteuer suchte oder möglichst schnell Karriere machen wollte. Sie wollte ihrem Land etwas zurückgeben. Sie wollte dienen. Sie nahm dafür eine Umgebung in Kauf, die körperlich und mental viel von ihren Soldatinnen und Soldaten verlangt. Sie wurde Soldatin in einer Armee, in der Frauen seit 25 Jahren sämtliche militärischen Laufbahnen offenstehen. Eine Armee, in der Kameradschaft nicht nur ein großes Wort ist, sondern zu den soldatischen Pflichten gehört. Doch ihre Geschichte handelt von einem Moment, in dem von Kameradschaft nichts mehr übrig war.

 

Im Oktober 2021 wollte Laura Gille mit einem Kameraden feiern. Sie vertraute ihm. Sie hielt ihn für einen Freund. Was anschließend passierte, schildert sie jetzt im ARD-Politikmagazin „Report Mainz“. Die Sendung vom vergangenen Dienstag trägt den Titel „Belästigt. Gemobbt. Missbraucht. Soldatinnen in Gefahr?“ und beschäftigt sich mit dem Umgang der Bundeswehr mit Frauen. Mehrere aktive und ehemalige Soldatinnen schildern darin sexuelle Übergriffe, Diskriminierung und Mobbing.

 

Gille berichtet, wie der Kamerad ihr körperlich immer näher gekommen sei. Dann habe er seine körperliche Überlegenheit ausgenutzt. „Ich merkte, wie er sich gegen mich gepresst hat und eine Erektion bekam“, erzählt sie. Sie habe deutlich Nein gesagt. Sie habe ihm gesagt, dass er das Zimmer verlassen solle. Er ging nicht. Stattdessen, berichtet Gille, habe er seine Hand an ihre Kehle gelegt und zugedrückt. Dann kommt dieser Satz, der in der Sendung hängen bleibt: „Er hat versucht, mich zu vergewaltigen. Ich dachte, dass ich sterbe. Er hat mich gewürgt.“

 

Laura Gille zeigte den Kameraden am nächsten Tag an. Sie tat damit genau das, was Betroffenen sexualisierter Gewalt immer wieder geraten wird: Sie machte den Vorfall öffentlich und leitete ein Verfahren ein. Doch für sie war damit die Geschichte nicht beendet. Im Gegenteil. Besonders beschäftigt sie bis heute die Frage, was danach geschah. Gille kritisiert, dass sie als Betroffene nach ihrer Darstellung kaum erfahren konnte, welche Konsequenzen der Übergriff für den Beschuldigten hatte. Sie war selbst Offizierin. Trotzdem habe sie erst Jahre später und eher auf Umwegen erfahren, dass der Mann inzwischen aus der Bundeswehr entfernt worden sei.

 

Was mit ihrem Täter passiert ist, konnte sie also nicht einfach nachlesen oder von der Bundeswehr erfahren. Für Gille ist genau das ein Teil des Problems: Sie hatte das Gefühl, dass sie als Betroffene nach ihrer Anzeige weitgehend außen vor blieb. Ihre Geschichte erzählt sie deshalb jetzt öffentlich. Nicht, um sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Sondern, um auf ein Problem aufmerksam zu machen, das nach den Recherchen von „Report Mainz“ größer sein könnte als ein einzelner Fall.

 

Frauen gehören inzwischen selbstverständlich zur Bundeswehr. Seit Januar 2001 stehen ihnen alle militärischen Laufbahnen offen. Vorausgegangen war das sogenannte Kreil-Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom Januar 2000. Im April 2001 traten die ersten Soldatinnen in die Kampftruppe ein, im Juli folgten die ersten Offiziersanwärterinnen. Heute dienen mehr als 25.000 Soldatinnen in der Bundeswehr. Damit liegt ihr Anteil an den militärischen Angehörigen bei etwas mehr als 13 Prozent. Die Entwicklung ist deutlich: Im Jahr 2001 waren es noch gut 6.700 Soldatinnen. Inzwischen kommt nach Angaben der Bundeswehr etwa jede fünfte Bewerbung für den freiwilligen Wehrdienst von einer jungen Frau, bei den Bewerbungen für die Offizierslaufbahn sogar etwa jede dritte. Frauen führen Panzer, fliegen Hubschrauber und Kampfflugzeuge, dienen auf Schiffen und übernehmen Führungsverantwortung. Doch zahlenmäßig sind sie weiterhin eine Minderheit.

 

Und genau diese Minderheitenposition spielt auch in der Debatte über Sexismus und sexualisierte Gewalt eine Rolle. Dass es sich dabei nicht ausschließlich um Einzelfälle handelt, zeigen auch die offiziellen Zahlen. Für die Jahre 2020 bis 2024 registrierte das Verteidigungsministerium insgesamt 1319 Verdachtsmeldungen wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung und sonstiger Formen sexueller Belästigung. In 1176 dieser Fälle waren weibliche Soldatinnen betroffen. Für 2024 wurden 301 entsprechende Verdachtsmeldungen registriert, darunter 273 mit weiblichen Betroffenen. Dabei muss allerdings genau hingeschaut werden. Verdachtsmeldungen sind nicht automatisch erwiesene Straftaten. Außerdem erfassen die Zahlen unterschiedliche Formen sexualisierten Fehlverhaltens.

 

Auch der Wehrbeauftragte des Bundestages beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Im Jahresbericht 2024 heißt es, Soldatinnen seien weiterhin Vorurteilen, Diskriminierung und teilweise sexueller Belästigung ausgesetzt. Die Wehrbeauftragte erhielt 48 Eingaben zu sexualisiertem Fehlverhalten und beobachtete 376 meldepflichtige Ereignisse wegen des Verdachts auf Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Im jüngsten Jahresbericht für 2025 wurden 430 Erstmeldungen über Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung registriert, bei denen Soldatinnen oder Soldaten als Beschuldigte oder Betroffene beteiligt waren. Beim Wehrbeauftragten gingen 46 Eingaben ein. Der Bericht betont zugleich, dass die Zahl der Meldungen auch dadurch steigen kann, dass Fälle heute häufiger gemeldet werden. Entscheidend sei neben den klaren Regeln auch das Klima in den einzelnen Einheiten und die jeweilige Führungskultur.

 

Wie ernst das Thema innerhalb der Bundeswehr genommen wird, zeigt auch ein anderer Fall, der 2025 bekannt wurde. Im Fallschirmjägerregiment 26 in Zweibrücken wurden Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe, rechtsextremistischer Handlungen und Drogenmissbrauchs bekannt. Gegen 55 Angehörige des rund 1800 Menschen starken Regiments wurde ermittelt. Gegen 19 Beschuldigte wurde die Entlassung aus der Bundeswehr eingeleitet, in neun Fällen war sie Anfang 2026 bereits vollzogen; außerdem wurden Disziplinarmaßnahmen verhängt. Bemerkenswert ist: Bereits im Oktober 2024 hatten sich Soldatinnen bei einem Truppenbesuch vertraulich an die damalige Wehrbeauftragte gewandt und von einem aus ihrer Sicht frauenfeindlichen Klima und möglichem sexualisiertem Fehlverhalten in einer Kompanie des Regiments berichtet.

 

Auch diese Vorgänge sind Bestandteil der aktuellen Diskussion darüber, wie konsequent Vorgesetzte bei Fehlverhalten eingreifen und wie sich die Führungskultur in den Einheiten auswirkt. Laura Gille aus Mahlsdorf ist Teil dieser großen Geschichte, aber für sie ist es keine Statistik. Heute, sechs Jahre nach dem Übergriff, sitzt sie vor der Kamera und erzählt, was passiert ist. Dabei bricht ihre Stimme immer wieder. Sie weint. Und gerade deshalb ist dieser Fernsehauftritt mehr als ein Bericht über einen einzelnen Vorfall. Er ist der Versuch einer jungen Frau, die Kontrolle über ihre eigene Geschichte zurückzugewinnen.

 

Laura Gille sagt nicht, dass die gesamte Bundeswehr aus Tätern besteht. Sie sagt vielmehr, dass sie erlebt habe, wie mit ihrem Fall und mit ihr als Betroffener umgegangen wurde. Ihre Kritik richtet sich deshalb nicht nur gegen den Mann, der sie nach ihrer Darstellung angegriffen hat. Sie richtet sich auch gegen ein System, in dem Betroffene nach ihrer Wahrnehmung zu wenig darüber erfahren, was nach einer Anzeige geschieht. Und genau hier liegt die vielleicht schwierigste Frage, die der Fall aufwirft: Was bedeutet Kameradschaft, wenn eine Soldatin gerade von einem Kameraden verletzt wurde? Laura Gille sagt gegenüber „Alles Mahlsdorf“: „Ich habe den Film mit meinen Eltern geschaut. Es hat mich ordentlich mitgenommen, ich habe am ganzen Körper gezittert. Und es hat mich wütend gemacht und so sehr enttäuscht, wie das Verteidigungsministerium reagiert hat. Sie bekommen eine Anfrage und Ihnen wird aufgezeigt, was sie ändern könnten und tun nichts.“ Die Tatsache, dass das Verteidigungsministerium antwortet, es bestehe kein Handlungsbedarf, erschüttert Laura Gille. „Das kann nicht wahr sein! Ich werde alles dafür tun, denen da oben zu erklären, dass ich etwas ändern muss für die Kameradinnen und Kameraden, die im Ernstfall ihr Leben riskieren.“

 

Die Bundeswehr wirbt heute verstärkt um Frauen. Sie braucht Personal. Sie will wachsen. Wenn Frauen künftig einen noch größeren Anteil der Bundeswehr ausmachen sollen, wird deshalb nicht allein die Frage entscheidend sein, ob ihnen formal alle Türen offenstehen. Sondern auch, was hinter diesen Türen passiert. Laura Gille hat sich entschieden, darüber zu sprechen. Obwohl es ihr sichtbar schwerfällt. Obwohl sie dabei weint. Und obwohl ein Teil ihrer Geschichte längst hinter ihr liegen sollte. Sie erzählt sie trotzdem. „Ich dachte, dass ich sterbe.“ Dieser Satz steht am Anfang ihrer Geschichte. Und er ist zugleich der Satz, den sie öffentlich gemacht hat, damit er nicht einfach vergessen wird.

Die Mahlsdorferin Laura Gille spricht in der ARD-Sendung "Report Mainz" über einen Vorfall bei der Bundeswehr.

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