Luise Lehmann: „Auch die SPD muss manchmal daran erinnert werden, dass es einen Osten in der Stadt gibt.“

Sie, 27 Jahre alt, stammt aus einer Akademikerfamilie, wuchs in Mahlsdorf auf, arbeitet als Neurochirurgin im Klinikum Buch, macht neben dem Job Lokalpolitik in Marzahn-Hellersdorf und ist erklärte Groko-Gegnerin. Er (46) setzte sich nach der Wiederholungswahl 2022 vehement für die Große Koalition von SPD und CDU in der Hauptstadt ein, kam als Sohn eines palästinensischen Gastarbeiters im Kita-Alter nach Spandau und gehört seit vielen Jahren zur ersten Riege der Berliner Sozialdemokraten. Sie will an die Parteispitze – er möchte dort bleiben. Gemeinsam bewerben sich Luise Lehmann und Raed Saleh um den Landesvorsitz der SPD. Wir haben mit der Mahlsdorfer Jungsozialistin über ihre Kandidatur gesprochen.

 

Luise Lehmann, wie kommt so ein ungleiches Duo auf die Idee, gemeinsam die Doppelspitze der Berliner SPD bilden zu wollen?

Ich kenne Raed schon eine ganze Weile. Bei allen inhaltlichen Differenzen haben wir uns immer bestens verstanden und auf Augenhöhe ausgetauscht. Menschlich passt es voll gut. Die Gegensätze und unterschiedlichen Perspektiven, die wir mitbringen, sind etwas, das wir bewusst herausstellen, weil es uns meines Erachtens am ehesten von allen Kandidaturen befähigt, die SPD zusammenzuführen. Die Mitglieder unserer Partei sind ja ein Querschnitt der Gesellschaft. Mir ist wichtig, dass wir trotz unterschiedlicher Meinungen immer respektvoll diskutieren können und Kompromisse finden, die das Beste für die ganze Stadt sind.

 

„Das Beste für Berlin“ – so lautet auch der Titel des Koalitionsvertrages von CDU und SPD. Sie waren nach der Wiederholungswahl dagegen, als Juniorpartnerin mit der Union zu regieren.

Ich bin ganz klar für linke Koalitionen und Bündnisse, aber mir ist auch bewusst, dass es momentan nicht das Beste für die Stadt wäre, diese Große Koalition platzen zu lassen.

 

Welche Themen möchten Sie in den Mittelpunkt rücken?

Ich möchte einen Fokus auf Gesundheit legen, aber auch Queerpolitik, Antidiskriminierung und Gleichstellung im Blick behalten. Diese vermeintlichen weichen Themen sind nämlich ganz wesentlich für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.  Als Sozialdemokratin treibt mich aktuell aber vor allem um, dass so viele Menschen gerade schlicht existenzielle Sorgen haben.

Ein weiteres großes Thema wird Mobilität sein, das für mich immer eng mit Klimapolitik verknüpft ist. Die SPD kann und muss da noch stärker werden.

 

Pro Auto oder pro Rad?
Ich sehe uns in der Pflicht, Gruppen nicht gegeneinander auszuspielen. Es muss möglich sein, die Interessen der Menschen, die sich in der Stadt unterschiedlich fortbewegen, zu vereinen. Klar ist aber: Klimaschutz wird uns als Gesellschaft auch viel kosten . Der sollte nur nicht gerade jene Menschen treffen, die kaum über die Runden kommen. Geringverdienenden ihren Verbrenner madig machen, ist nicht mein Anliegen.

 

Wie könnte Marzahn-Hellersdorf von Ihnen als Co-Landesvorsitzende profitieren?
Ich halte es für extrem wichtig, dass innerhalb der Politik der Osten stärker repräsentiert wird. Fast 35 Jahre nach der Wende ist das soziale Gefüge, sind die Problemlagen in Marzahn-Hellersdorf oder Lichtenberg nach wie vor anders als etwa in Steglitz-Zehlendorf oder Charlottenburg-Wilmersdorf. Auch die SPD muss manchmal daran erinnert werden, dass es einen Osten in der Stadt gibt. Wenn man sich anhört, worüber altehrwürdige Westberliner SPD-Größen manchmal so diskutieren, hat das wenig mit dem zu tun, was die Leute hier bei uns bewegt: In manchen Kiezen ist die nächste Bushaltestelle ewig weit entfernt. Geflüchtetenunterkünfte werden dicht an dicht mitten in Brennpunktkiezen hochgezogen. Bei vielen Menschen reicht das Einkommen kaum zum Leben. Jugendliche werden dafür verurteilt, dass sie nichts mit sich anzufangen wissen und vorm Eastgate abhängen – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Die Wahl der neuen Doppelspitze für die Berliner SPD ist auf einem Parteitag Ende Mai geplant. Die bisherige Co-Vorsitzende Franziska Giffey hatte bereits Anfang des Jahres erklärt, nicht wieder anzutreten. Bislang gibt es neben Luise Lehmann und Raed Saleh (Foto links) zwei weitere Kandidaturen: Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel bewirbt sich mit Ex-Sportstaatssekretärin Nicola Böcker-Giannini. Der stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Kian Niroomand bildet ein Duo mit der Co-Vorsitzenden der Berliner SPD-Frauen Jana Bertels. Am kommenden Montag (26. Februar) will der SPD-Landesvorstand entscheiden, ob dem Parteitag eine Mitgliederbefragung vorgeschaltet wird.

Bei der Teilwiederholungswahl hat die AfD besonders in Marzahn-Hellersdorf zugelegt. Wie ordnen Sie das Ergebnis ein?

Ich verstehe nicht, warum man eine Partei wählt, der schon häufig rechtsextremes Gedankengut bestätigt wurde. Die AfD profitiert stark von einer auseinanderdriftenden Gesellschaft. Deshalb will ich die Probleme der Menschen angehen und ihnen zeigen, dass sie und ihre Interessen bei uns richtig aufgehoben sind. Es liegt an uns, die Themen richtig zu setzen und – was noch viel entscheidender ist – zu liefern, damit die Leute gar nicht erst so unzufrieden sind, dass sie einfache Lösungen herbeisehnen oder sich gegen andere Menschengruppen ausspielen lassen.

 

Also die AfD durch Taten entkräften.

Ganz genau – und auf TikTok aktiver werden (lacht).

 

Wo die Partei so erfolgreich ist wie keine andere.

Ja, das ist erschreckend. Ich dachte immer, die Jugend tickt eher links. Aber die AfD setzt auf der Plattform auf Masse statt Klasse und erreicht damit Millionen junge Leute. Das bedeutet: Denen wird ständig rechter Content angezeigt. Da müssen die demokratischen Parteien gegenhalten. Ich habe auch erst kürzlich mit TikTok angefangen, aber wir müssen schnell aufholen, sonst ist es zu spät.

 

In der Berliner SPD gibt es schon länger Unzufriedenheit mit der Parteispitze. Sie und Raed Saleh stehen gemeinsam aber nur zu 50 Prozent für Neuanfang. Gehen Sie mit einem Minus in den innerparteilichen Wahlkampf?

Ach, es gibt auch Stimmen, die sagen, wir hätten einen „Heimvorteil“. Zunächst einmal finde ich es richtig cool, dass wir eine demokratische Partei sind und drei starke Duos kandidieren. Selbstverständlich bin ich davon überzeugt, dass wir die beste Lösung für die Partei sind, sonst würde ich ja auch nicht antreten.

 

Mussten Sie lange überlegen, ob Sie sich das antun?

Eigentlich nicht. Das war so eine Bauchentscheidung. Aber natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, wie es karrieretechnisch weitergehen soll. Ich bin noch nicht lange aus der Babypause in meinem Job zurück und es läuft wirklich gut, auch weil ich von vielen Seiten Unterstützung bekomme. Das will ich nicht aufgeben. Wir sehen es so: Wer, wenn nicht die SPD im 21. Jahrhundert, sollte die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und politischem Spitzenamt möglich machen? Menschen mitten im Leben gehören in die Sozialdemokratie.

 

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