Mit drei Kindern: Mahlsdorfer Familie seit sieben Jahren auf Weltreise

Als in Deutschland die Raketen den grauen Winterhimmel zerreißen und dick eingepackte Menschen mit guten Vorsätzen ins Jahr 2026 stolpern, tanzt eine Familie aus Mahlsdorf barfuß unter Palmen. 27 Grad, warme Nachtluft, weiße Sandstrände, Karibik. Auf der Yucatán-Halbinsel, südlich von Cancún, feiern sie eine Beachparty, lachen, springen ins Meer und zählen die letzten Sekunden herunter. Für Sonia, Henrik und ihre drei Kinder ist dieses Silvester kein Ausbruch aus dem Alltag – es ist Alltag. Seit siebeneinhalb Jahren.


Während sich viele Menschen in Deutschland zum Jahreswechsel vorgenommen haben, im neuen Jahr mutiger zu sein, hat Familie Kandziora genau das längst getan. Sie hat ihr altes Leben hinter sich gelassen und lebt seitdem den Traum vom Auswandern und Weltreisen. Nicht als Urlaub, sondern als Lebensform.

Bis 2019 lebten Sonia und Henrik mit ihren Kindern in der Pariser Straße, zwei Minuten von den Kaulsdorfer Seen entfernt, in einem bunten Haus, das sie ihr „Pippi-Langstrumpf-Haus“ nannten. Ein scheinbar stabiles Leben: Schule, Nachbarschaft, Routinen. Und doch wuchs in ihnen das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

Sonia, heute 43, stammt aus der verschlafenen Kurstadt Bad Nauheim in Hessen. Sie ist ausgebildete Lerntherapeutin und arbeitete viele Jahre an Schulen in Hellersdorf, Friedrichshagen und Kreuzberg. Henrik, heute 52, wuchs in Charlottenburg auf, verbrachte den Großteil seines Lebens in Kreuzberg. Gelernter Automechaniker, später Multimedia-Designer, DJ und Grafiker – und „Mädchen für alles“ im legendären Berliner Club Watergate an der Spree. Kennengelernt haben sich die beiden 2005 in der Clubszene, 2016 heirateten sie. Als Sonia mit dem zweiten Kind schwanger war, zogen sie aus der Innenstadt nach Mahlsdorf.


Die älteste Tochter besuchte damals, 2018, die Kiekemal-Grundschule. Kurz vor der Einschulung des zweiten Kindes, heute ein 13-jähriger Sohn, feierte Sonia Geburtstag. Am selben Tag fand auch der erste Elternabend in den Ferien statt. Da eine große Feier geplant war, bat sie eine Freundin, den Elternabend zu übernehmen und später zu berichten. Was diese erzählte, reichte aus, um alles ins Wanken zu bringen. Die Familie war schon zuvor unzufrieden mit dem deutschen Schulsystem – doch an diesem Abend fiel eine Entscheidung, die ihr Leben komplett verändern sollte. „Unser Instinkt und unser Bauchgefühl waren lauter als der Verstand“, sagen sie heute.


Noch an diesem Geburtstag beschlossen sie, auszuwandern. Mit ein One-Way-Ticket. Die Kinder wurden aus der Schule abgemeldet, das Haus leergeräumt. Sechs Wochen später saßen sie im Flugzeug nach Bangkok. Die Kandzioras wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, wie das alles funktionieren sollte. Kein genauer Plan, kein Sicherheitsnetz. Alles wurde einem Ziel untergeordnet: Freiheit. Der Mut aber wurde belohnt. In Thailand trafen sie allein in den ersten Monaten rund 30 andere Reisefamilien. Viele davon sind bis heute enge Freunde. Man half sich gegenseitig, tauschte Erfahrungen aus, unterstützte sich. Diese Gemeinschaft trug sie – und prägt ihr Leben bis heute.


Von Anfang an war klar: Sie wollten langsam reisen. Monate an einem Ort bleiben, wirklich ankommen. Leben. Zunächst vier Monate in Thailand, dann lange auf Bali. Visa bestimmten den Rhythmus. Auf Bali wurde Sonia zum dritten Mal schwanger. Von Vietnam aus ging es weiter auf die Kanaren, erst nach nach Teneriffa und kurz danach nach La Palma. Dort kam ihr drittes Kind zur Welt, ein Mädchen, heute sechs Jahre alt. Die Geburt war eine Alleingeburt: ohne Hebamme, ohne Arzt, ganz allein. „Henrik war die Hebamme“, lacht Sonia. Ein Moment, der sinnbildlich für dieses Leben steht. Völlig außerhalb der Komfortzone, voller Vertrauen ins eigene Gefühl.


Dann kam Corona. Europa schloss, doch Mexiko war offen – und ohnehin schon immer ein Herzensort der Familie. Am 31. Dezember stieg die mittlerweile fünfköpfige Familie ins Flugzeug und zog nach in den einwohnerreichsten spanischsprachigen Staat der Welt. Heute leben sie seit fünf Jahren dort, nahe Cancún. Mexiko ist ihre „Base“ geworden, weil die Kinder ein stabiles Umfeld brauchen, vor allem Freunde. Der Drang in die Welt ist geblieben. Die Kandzioras wohnen heute in einer sogenannten „Gated Community“, einer abgeschlossenen Wohnanlage, in der circa viertausend Menschen leben. Es fühlt sich an wie ein Dorf. Henrik: „Wir laufen alle den ganzen Tag barfuß herum, bewegen uns mit einem Golfmobil fort. Der Strand ist drei Minuten entfernt. So nah, dass die Kinder längst nicht mehr jeden Tag hingehen. Weil er eben immer da ist.“


Von Mexiko aus reisen sie weiterhin durch die Welt. Manchmal für ein halbes Jahr, manchmal länger. Auch, weil man im Land nur 180 Tage bleiben darf. So ging es über Weihnachten etwa nach Miami, wo sie eine Woche mit Sonias Familie verbrachten. Sie bezeichnen sich selbst als digitale Nomaden. Lange lebten die Mahlsdorfer vom Erlös des Hausverkaufs, dazu kommt Sonias Arbeit als Life-Coach mit ihrer Firma REEssenz®. Die Reise-Erfahrungen der letzten Jahre vermitteln die beiden inzwischen auch in Online-Kursen. „Diese Erfahrungen sind Gold wert“, sagen sie. Und diese wollen sie weitergeben. An andere Menschen. Und vor allem an ihre Kinder.


Alle drei sprechen fließend Deutsch und Englisch, zum Großteil auch Spanisch. Schule im klassischen Sinn gibt es nicht. Stattdessen leben sie im Homeschooling und freien Lernen. Es gibt Lernbegleitung, Projekte, To-Do-Listen, die die Kinder sich zum großen Teil selbst erstellen. Sonias beruflicher Hintergrund als Lerntherapeutin trägt dieses Modell. Lernen findet überall statt. Im Alltag, auf Reisen, im echten Leben. Die älteste Tochter genießt dieses Leben besonders. Sie bekommt Jobangebote, wo immer sie ist. Organisiert, pünktlich, strukturiert. „Typisch deutsche“ Eigenschaften, die auffallen. Verantwortung hat sie früh übernommen, auch durch das Mitaufpassen auf die jüngeren Geschwister. Und doch sagt sie inzwischen: Beim nächsten Abschnitt will sie Städte erleben. Großstädte. Puls. Trubel. Auch das gehört zur Freiheit. Natürlich hatten Sonia und Henrik anfangs aber auch Angst vor dem radikalen Schnitt. Doch der Gedanke an eine Rückkehr aus Gründen der Absicherung durch das soziale Netz ihrer Heimat kam ihnen nie. Im Gegenteil. „Der medizinische Standard in Asien ist purer Luxus“, sagt Henrik. „Dagegen wirkt Deutschland fast wie ein Dritte-Welt-Land.“


Was für sie zählt, ist Zeit. Zeit mit den Kindern. Ein typischer Tag beginnt gegen acht Uhr. Sonia und Henrik stehen früher auf, um zu arbeiten. Die Kinder starten mit ihren Aufgaben und Projekten. Lernen, Leben, Arbeiten. Alles fließt ineinander. Und vielleicht ist genau das ihre Botschaft an dieses neue Jahr, irgendwo zwischen Palmen und Meer: Mut ist kein Vorsatz für den 1. Januar. Mut ist eine Entscheidung. Und manchmal beginnt ein ganz neues Leben nicht mit einem ausgeklügelten Plan. Sondern mit dem Vertrauen darauf, dass das Bauchgefühl den Weg schon kennt.

Sonia und Henrik Kandziora sind seit rund sieben Jahren mit ihren Kindern auf Weltreise.
Die Familie beim Tauchen vor Bali.
Sonia und Henrik in Palenque. Dies ist eine von Tieflanddschungel umgebene archäologische Fundstätte im mexikanischen Bundesstaat Chiapas.
Vor kurzem erhielten die Kandzioras Besuch aus Deutschland, mit Sonias Eltern (ganz rechts) trafen sie sich in Miami um US-Bundesstaat Florida.
Sonia mit zwei Kindern vor den Batu Caves in Malaysia. Die größte ist die 100 Meter hohe sogenannte Tempel- oder Kathedralenhöhle, in der später mehrere Hindu-Schreine errichtet wurden.
Auf La Palma, eine der zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln vor der Nordwestküste Afrikas, wurde das dritte Kind geboren.
Mit diesen Rucksäcken machte sich die Familie aus Mahlsdorf auf in die Welt.

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