Sechs auf einen Streich: Wie eine Familie aus Kiew in Mahlsdorf eine neue Heimat fand

Über zwei Millionen Menschen sind bislang aus der Ukraine geflüchtet. Die meisten bleiben in Ländern wie Polen, viele stranden aber auch in Berlin. Tausende treffen täglich am Hauptbahnhof ein. Wie Vladimir, Stefania, Vlada, Miroslawa, Sasha und Tatjana. Untergekommen ist die Familie in Mahlsdorf.

 

Der 24. Februar ist eine Zäsur im Leben von Sasha. In seinem Heimatland schlagen Raketen ein, der vermeintlich „große Bruder“ Russland greift seine Ukraine an. Der Familienvater erkennt den Ernst der Lage und packt seine Liebsten ein. Seine Frau Miroslawa, die Kinder Vladimir (2 Jahre alt), Stefania (6) und Vlada (9), dazu Mama Tatjana. Zunächst retten sie sich in eine Datsche westlich der Hauptstadt, doch die Einschläge kommen immer näher. Zwei Tage später wollen sie nur noch weg aus ihrem geliebten Kiew, wollen sich in Sicherheit vor den Angreifern bringen. Die Sechs setzen sich in ihr Auto und fahren los. Dabei haben sie nur das, was ins Auto passt und die Kleider, die sie am Körper tragen. All ihre Habseligkeiten lassen sie zurück im Beschuss der russischen Armee. Eine Flucht auf direktem Weg ist nicht möglich, die Odyssee führt sie durch fünf Nationen. Das Ziel der Familie: Berlin, nur 1400 Kilometer entfernt. Von Freunden haben sie gehört, dass man ihnen hier helfen könne.

 

Und man konnte. Denn dort am Hauptbahnhof steht Familie M. aus Mahlsdorf. In der Hand tragen die beiden Eltern ein selbstgeschriebenes Pappschild mit der Aufschrift „Wir haben Platz für sechs Menschen“. Die beiden Lehrer und ihre zwei Kinder haben das Gästezimmer leergeräumt, Möbel verschoben, im Kleiderschrank Platz geschaffen zusätzliche Stühle in die Küche gestellt. „Wir haben Nachbarn, Kollegen, Freunde und Bekannte gefragt, ob sie uns unterstützen können. Wir waren überwältigt von der Resonanz. Es war Zeit, aus unserer Komfortzone herauszukommen und Menschen in Not ohne großes Wenn und Aber zu unterstützen“, so Magdalena M. gegenüber „Alles Mahlsdorf“. Sie schlief fortan in einem Kinderzimmer, Papa Paul im anderen. So hatte die ukrainische Familie neben dem Gäste- auch noch das Elternschlafzimmer zur Verfügung. Und auch Mahlsdorfer Firmen unterstützen. ATU etwa reparierte das Auto der Ukrainer kostenlos, die Trampolinhalle „Jump3000“ spendierte Freikarten für die Kinder.

 

Mehrere Tage lebten die Mahlsdorfer eng mit den Flüchtlingen, die längst zu Freunden geworden sind, zusammen. „Man spürte die Dankbarkeit. Auch ohne große Worte und Gespräche. Es war ihnen unangenehm, aber wir freuen uns der Familie die Möglichkeit einer vorübergehenden Bleibe bieten zu können.“ Die Familie aus der Ukraine fuhr mittlerweile weiter in die Nähe von Köln, wo ihnen eine alte Studienfreundin vorübergehend ein Haus zur Verfügung stellte. „Auch wenn wir nur wenige Tage gemeinsam hatten, so will ich diese Zeit niemals missen“, so Magdalena, „es waren unglaublich intensive und herzliche Tage.“ Ihre Zimmer halten sie nun für weitere Flüchtlinge frei, sie wollen weiterhin helfen und sich engagieren.

 

Interessiere, die dies ebenfalls tun möchte, finden zahlreiche spezielle Organisationen, an die man sich wenden kann. Menschen, die Geflüchteten eine Unterbringung anbieten möchten, können sich etwa über unterkunft-ukraine.de oder airbnb.org anmelden – gerade, wenn sie erstmal nur über einen Zeitraum von zwei Wochen jemanden aufnehmen möchten. Beide Organisationen kooperieren mit dem Bundesinnenministerium. Auch Sachspenden sind weiterhin möglich.

Die beiden Mahlsdorfer (jeweils mit Kind auf dem Arm) und ihrer ukrainische Gastfamilie.

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