Es ist längst mehr als eine harmlose Fankultur. Wer heute durch Mahlsdorf läuft, erkennt schnell ein auffälliges Muster: Kaum ein Verkehrsschild, kaum ein Laternenmast, kaum ein Stromkasten scheint noch frei von Aufklebern der beiden großen Berliner Fußballrivalen Hertha BSC und Union Berlin zu sein. Das Bezirksamt setzt dem nun technische Mittel entgegen.
Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene liefern sich im Berliner Osten einen regelrechten „Stickerkrieg“. Blau-weiße Hertha-Embleme werden über rote Union-Aufkleber geklebt – und umgekehrt. Innerhalb weniger Stunden verschwinden Sticker unter neuen Schichten rivalisierender Vereinslogos. Bereits im Jahr 2019 berichteten wir über das Phänomen. Was für viele Fans als Ausdruck von Zugehörigkeit, Reviermarkierung und Fußballleidenschaft gilt, entwickelt sich zunehmend zu einem Problem für Verkehrssicherheit, Stadtsauberkeit und öffentliche Ordnung.
In unserem Ortsteil sind die blau- bzw. rot-weißen Aufkleber nicht nur entlang viel befahrenen Hauptverkehrsadern wie Hönower Straße oder Hultschiner Damm zu entdecken, oder rund um den Bahnhof oder an Kreuzungen mit hohem Verkehrsaufkommen, sondern auch in Dutzenden der kleinen Siedlungsstraßen sind zahllose Verkehrszeichen nahezu vollständig überklebt. Teilweise sind Richtungsangaben oder Verkehrszeichen kaum noch lesbar.
Die Entwicklung ist inzwischen auch Thema auf politischer Ebene, wie eine schriftliche Anfrage des CDU-Abgeordneten Lars Bocian an den Berliner Senat zeigt. In der Antwort der Senatsverwaltung für Inneres wird das Bekleben öffentlicher Gegenstände ausdrücklich als Teil einer „zunehmenden Verschmutzung des öffentlichen Straßenlandes“ bezeichnet. Dabei handele es sich um ein „gesamtgesellschaftliches Problem“, das je nach Umfeld unterschiedlich stark ausgeprägt sei. Besonders kritisch bewertet die Innenverwaltung die Auswirkungen auf den Straßenverkehr. Verschmutzte, beschädigte oder überklebte Verkehrszeichen könnten „zu verzögerten Reaktionszeiten und Fehlinterpretationen bei den Verkehrsteilnehmenden führen“ und dadurch das Unfallrisiko erhöhen. Entscheidend sei dabei stets der konkrete Grad der Beeinträchtigung.
Noch deutlicher wird die Verwaltung bei wegweisenden Schildern: Wenn Zielangaben durch Aufkleber nicht mehr lesbar seien, könne dies zu Fehlfahrten führen. Gerade in dicht bebauten Stadtgebieten mit hohem Verkehrsaufkommen sei dies ein ernstzunehmendes Sicherheitsproblem. Dass die Sticker-Problematik längst kein Randthema mehr ist, zeigt auch der Umgang des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf damit. Bereits seit 2025 setzt der Bezirk an ausgewählten Hotspots spezielle Verkehrszeichen mit Anti-Sticker-Beschichtung ein. Auf diesen Oberflächen haften Aufkleber deutlich schlechter und lassen sich einfacher entfernen.
Nach Angaben der Pressestelle des Bezirksamtes auf „Alles Mahlsdorf“-Anfrage existieren derzeit acht solcher Spezialschilder in Mahlsdorf. Wo genau diese stehen, wurde aus nachvollziehbaren Gründen nicht mitgeteilt. Offenbar, um gezielte „Tests“ durch Stickerfans zu verhindern. Billig ist diese Maßnahme allerdings nicht. Ein normales Verkehrsschild kostet laut Bezirksamt rund 80 Euro. Mit Spezialbeschichtung verdoppeln sich die Kosten nahezu. Angesichts tausender Schilder im Bezirk bleibt die Anti-Sticker-Folie deshalb bislang eine Pilotmaßnahme.
Rechtlich bewegt sich das Bekleben öffentlicher Schilder keineswegs in einer Grauzone. Das Überkleben oder Beschädigen von Verkehrszeichen stellt nach Paragraph 49 Absatz 1 der Straßenverkehrsordnung eine Ordnungswidrigkeit dar. Hinzu kommen mögliche Straftatbestände nach Paragraph 303 Strafgesetzbuch wegen Sachbeschädigung oder sogar nach Paragraph 315b Strafgesetzbuch wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.
Die möglichen Konsequenzen reichen daher von Bußgeldern bis hin zu strafrechtlichen Ermittlungen. In Einzelfällen könnten sogar Freiheitsstrafen drohen, insbesondere dann, wenn manipulierte Verkehrszeichen nachweislich zu gefährlichen Verkehrssituationen führen. Die Debatte wird inzwischen auch öffentlich schärfer geführt. Medienberichte dokumentieren seit Jahren die zunehmende Ausbreitung der Fußballsticker im Berliner Stadtbild. Die Berliner Zeitung sprach bereits von einer „Sticker-Stadt“, in der sich Fans von Hertha und Union „durch Berlin kleben“. Auch die BZ griff das Thema mehrfach auf. Dort warnte man zuletzt vor vollständig unkenntlich gemachten Verkehrsschildern und diskutierte sogar Bußgelder von mindestens 250 Euro pro Aufkleber.
Gleichzeitig ist der „Stickerkrieg“ Ausdruck einer besonderen Berliner Fußballkultur. Während Hertha BSC traditionell eher mit dem ehemaligen West-Berlin verbunden wird, gilt Union als tief im Ostteil der Stadt verwurzelt. Gerade in den östlichen Bezirken wie Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick oder Lichtenberg zeigt sich diese Rivalität besonders sichtbar im öffentlichen Raum. Auch Online-Diskussionen und Fanforen beschreiben Berlin mittlerweile als eine Art „Sticker-Schlachtfeld“.
Für viele junge Fans gehören die Aufkleber längst zur Identität ihres Vereins. Sticker werden gesammelt, getauscht und gezielt an möglichst sichtbaren Orten angebracht. Manche Fans betrachten stark frequentierte Verkehrsschilder regelrecht als Trophäenflächen. Dabei geht es nicht nur um Präsenz, sondern oft auch um symbolische Dominanz über bestimmte Kieze oder Straßenzüge.
Doch die zunehmende Vermüllung des öffentlichen Raums sorgt inzwischen selbst unter Fußballanhängern für Kritik. In sozialen Netzwerken und Diskussionsforen mehren sich Stimmen, die das massenhafte Überkleben von Verkehrsschildern als „kindisch“, „übertrieben“ oder sogar gefährlich bezeichnen. Fest steht: Der Stickerkrieg zwischen Blau-Weiß und Rot-Weiß ist längst kein Randphänomen mehr. In Mahlsdorf zeigt sich exemplarisch, wie Fußballrivalität zunehmend den öffentlichen Raum prägt – und dabei die Grenze zwischen Fanleidenschaft und Sachbeschädigung verschwimmen lässt. Während Behörden mit Spezialschildern, Reinigung und möglichen Bußgeldern reagieren, dürfte die nächste Schicht Vereinsaufkleber vielerorts bereits unterwegs sein.





