Lemkestraße: Zwischen Modellprojekt und Realität – nun gibt es neue Ideen

Seit Jahren sorgt die Lemkestraße in Mahlsdorf für Diskussionen. Was ursprünglich als notwendige Sanierung einer maroden Wohnstraße begann, entwickelte sich zu einem Konflikt zwischen Anwohnenden, Bezirk und Senat – über Verkehrssicherheit, Klimaanpassung, Beleuchtung, Bäume und die grundsätzliche Frage, wie Straßen in Wohngebieten künftig gestaltet werden sollen. „Alles Mahlsdorf“ berichtete fortlaufend. Nun gibt es neue Ideen.


Mit einer aktuellen parlamentarischen Anfrage  hat der fraktionslose Abgeordnete Dr. Alexander King (trat aus der Linksfraktion aus; mittlerweile Co-Vorsitzender des BSW) das Thema erneut auf die landespolitische Ebene gehoben. Der Senat musste Stellung beziehen – und machte dabei deutlich, wie begrenzt die Spielräume trotz ambitionierter Leitbilder sind.


Die Lemkestraße ist eine vergleichsweise schmale Wohnstraße mit altem Baumbestand und überwiegend Ein- und Zweifamilienhäusern. Über Jahre hinweg wurde ihr Zustand als sanierungsbedürftig eingestuft: Schäden an Fahrbahn und Gehwegen, fehlende Barrierefreiheit und Probleme mit der Entwässerung machten einen grundhaften Umbau erforderlich. Im Sommer 2021 starteten die umfangreichen Bauarbeiten, circa die Hälfte der Straße ist fertig, die komplette Durchfahrt ist derzeit möglich. Bald könnte der dritte von vier Bauabschnitten des (mindestens) sechs Millionen Euro teuren Projekts starten. Ursprünglich sollte die Lemkestraße im Ganzen 2026 zwischen Kieler Straße und Bahnübergang fertiggestellt sein, dies ist jedoch nicht zu schaffen, auch 2027 dürfte utopisch sein.


Spätestens seit Bekanntwerden der Planungen regte sich Widerstand. Anwohnerinitiativen kritisierten unter anderem den möglichen Verlust von Bäumen, eine aus ihrer Sicht zu starke „Verkehrsstandardisierung“ der Straße, zusätzliche Lichtemissionen durch neue Beleuchtung sowie fehlende mutige Schritte in Richtung Klimaanpassung. Der Umbau wurde mehrfach diskutiert, angepasst und verzögert. Bürgerversammlungen, Bezirksverordnetenversammlungen und Eingaben an das Bezirksamt begleiteten den Prozess.


Vor diesem Hintergrund zielte die schriftliche Anfrage auf mögliche Alternativen zum klassischen Straßenbau. Konkret wurde nach einem Modellprojekt aus Tübingen gefragt, bei dem Straßenbeleuchtung nachts bedarfsabhängig gedimmt oder zeitweise abgeschaltet wird, um Lichtverschmutzung zu reduzieren. Die Antwort des Senats fällt zurückhaltend aus. Zwar seien vergleichbare Projekte bekannt, auch in Berlin gebe es Pilotvorhaben in Grünanlagen. Für öffentliche Straßen gelte jedoch weiterhin eine Beleuchtungspflicht, die sich vorrangig an Verkehrssicherheit orientiere. Eine Übertragung auf die Lemkestraße sei derzeit weder rechtlich noch praktisch abgesichert.


Auch bei weiteren Vorschlägen, etwa dem Einsatz heller Baumaterialien zur Reduzierung von Aufheizung oder einem umfassenden Regenwassermanagement im Sinne der „Schwammstadt“, zeigt sich ein ähnliches Bild: Der Senat bekennt sich grundsätzlich zu diesen Zielen, verweist aber auf technische, rechtliche und wirtschaftliche Grenzen im konkreten Fall.


Immerhin bestätigt die Antwort, dass bei der Sanierung geprüft wird, Regenwasser teilweise in Baumscheiben zu leiten, um den Baumbestand zu stärken. Eine vollständige Versickerung sei jedoch nicht möglich, die Anbindung an die Kanalisation bleibe notwendig. Auch der Umgang mit den Bäumen bleibt ein sensibler Punkt. Die Fällung eines Baumes wird mit dessen schlechter Vitalität und einer akuten Gefahrenlage begründet. Ob weitere Bäume betroffen sein werden, sei noch nicht abschließend entschieden – ein Satz, der bei vielen Anwohnerinnen und Anwohnern die Sorge eher verstärkt als zerstreut.


Die Lemkestraße ist längst mehr als ein lokales Bauvorhaben. Sie steht exemplarisch für die Frage, wie Berlin seine Wohnstraßen im Spannungsfeld von Klimaschutz, Sicherheit, Lebensqualität und Verwaltungsvorschriften umbauen will. Während der Senat auf Leitbilder und langfristige Strategien verweist, erleben die Menschen vor Ort vor allem Verzögerungen, Kompromisse und Unsicherheit. Modellprojekte werden geprüft, aber selten umgesetzt. Innovative Ideen stoßen auf rechtliche Hürden. Und der Wunsch vieler Anwohner nach einer „anderen“ Straße kollidiert mit bestehenden Standards.


Der Umbau der Lemkestraße schreitet, deutlich langsamer als gedacht,  voran. Doch die Debatte dürfte damit nicht enden. Vielmehr könnte sie als Blaupause für kommende Auseinandersetzungen in anderen Berliner Wohnquartieren dienen. 

Derzeit ist die Durchfahrt durch die komplette Lemkestraße möglich. Wann der dritte Bauabschnitt startet, ist bislang unklar.

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