Wer von der B1 in die Hönower Straße in Mahlsdorf einbiegt, bekommt seit einiger Zeit einen Eindruck davon, wie sehr sich der Einzelhandel selbst in einst belebten Stadtteilzentren verändert. Bis hinauf zum Jacques-Offenbach-Patz, einer Strecke von wenigen Hundert Metern, ist derzeit eine Menge Leerstand in Gewerbeimmobilien zu beobachten. Woran aber liegt das?
Gleich zu Beginn, auf der linken Seite auf Höhe der Nummer 1, fällt ein Gebäude ins Auge, das lange Zeit kaum zu übersehen war: eine große Spielothek. Wo einst blinkende Reklame Kunden anlockte, sind heute die Scheiben von innen mit Papier verhängt. Vor dem Eingang steht inzwischen ein neues Schild. Der Kreideschriftzug lautet „Enigma Salon“, es ist Werbung für erotische Massagen. Ein Stück weiter oben wirkt die Situation ähnlich ernüchternd. Wer kurz in die Fritz-Reuter-Straße blickt, sieht ein weiteres geschlossenes Geschäft. Dort befand sich bis September vergangenen Jahres die Buchhandlung Stark. Drei Jahre lang hatten die Inhaber versucht, den Laden zu etablieren. Die Buchhandlung war seit September 2020 die Nachfolgerin der traditionsreichen Buchhandlung Petras. Doch auch der Neustart blieb nicht dauerhaft erfolgreich. Zur Schließung hieß es damals von der Inhaberin, ausschlaggebend seien Veränderungen gewesen, „die wir leider nicht beeinflussen konnten“.
Besonders sichtbar wird der Wandel jedoch rund um den Bahnhof Mahlsdorf. Bereits vor rund zehn Jahren schloss im Bahnhofsgebäude ein kleiner Kiosk. Auf „Mahlsdorf LIVE“-Nachfrage hieß es damals seitens der Deutschen Bahn, man wolle schnellstmöglich einen Nachmieter finden. Passiert ist bislang nichts. Die Räumlichkeiten stehen weiterhin leer. Allerdings gilt der Standort als schwierig. Für viele andere Nutzungen als einen Späti ist die Fläche kaum geeignet, und ein neuer Kiosk hätte es angesichts des direkt gegenüberliegenden Rewe-Marktes schwer.
Auch im direkten Umfeld zeigt sich der Strukturwandel. Neben dem Bahnhof schloss im vergangenen Jahr ein Modegeschäft. In den Räumen sind Handwerker aktiv, eine neue Außenwerbung lässt vermuten, dass die Maklerfirma „Engel & Völkers“ hier künftig ein Büro eröffnen könnte. Direkt daneben hatte vor wenigen Jahren der „Mahlsdorfer King-Döner“ eröffnet – ein weiterer Versuch, Gastronomie an den Standort zu bringen. Doch auch dieses Geschäft hielt sich nicht lange. Gegen die Konkurrenz des gegenüberliegenden Imbisses beziehungsweise des „Mahlsdorfer Grillhauses“ auf der anderen Seite der Brücke schien der Laden nicht rentabel gewesen zu sein. Direkt nebenan steht weiter die Bar „Scotties“ seit einiger Zeit still. Zuvor befand sich dort die „Mambo-Bar“. Die Rollläden sind heruntergelassen, ein neuer Betreiber scheint bislang nicht in Sicht.
Gegenüber musste ebenfalls ein kleiner Modeladen aufgeben. An der Tür hängt inzwischen nur noch der schlichte Hinweis: „Zu vermieten“. Noch weiter nördlich sorgt ein weiteres Lokal für Fragezeichen. Das asiatische Restaurant „Binh Minh“ hatte in den vergangenen Monatenn immer wieder sporadisch geöffnet. Inzwischen ist der Betrieb jedoch schon länger eingestellt. Ob das Restaurant dauerhaft geschlossen bleibt oder ein Neustart geplant ist, weiß derzeit niemand. Rund um den Kreisverkehr am Jacques-Offenbach-Platz setzt sich das Bild fort. Der „Lion Post Shop“, lange Zeit eine wichtige Anlaufstelle für Postdienstleistungen im Kiez, ist ausgezogen. Im Laden ist zwar Bewegung zu erkennen, Regale wurden aufgebaut und renoviert wurde ebenfalls, doch welche Nutzung dort künftig einzieht, steht noch nicht fest. Auf der gegenüberliegenden Seite ist zudem ein weiterer traditionsreicher Betrieb verschwunden. Der „Schlüsseldienst Eitner“ hat seine Räume aufgegeben und ist einige Meter weiter die Ridbacher Straße hinuntergezogen. Auch hier ist bislang offen, was aus den bisherigen Geschäftsräumen wird.
Der zunehmende Leerstand mag überraschen, die Hönower Straße gilt eigentlich als eine der belebteren Mahlsdorfer Geschäftsstraßen. Doch wirtschaftlich ist der Betrieb kleiner Läden selbst hier schwierig geworden. Ein Grund hierfür sind die Gewerbemieten. Am Berliner Stadtrand liegen sie je nach Lage und Zustand der Immobilie häufig zwischen etwa acht und 15 Euro pro Quadratmeter, in besonders gut frequentierten Lagen teilweise auch darüber. Für kleine Einzelhändler oder Gastronomiebetriebe können selbst solche Mieten zur Herausforderung werden, wenn Umsätze schwanken oder Kundschaft ausbleibt.
Hinzu kommt der strukturelle Wandel im Handel. Viele Kunden bestellen Bücher, Kleidung oder Elektronik inzwischen online. Gleichzeitig bündeln große Supermärkte oder Einkaufszentren immer mehr Angebote unter einem Dach. Kleine Fachgeschäfte haben es schwer, mit den Preisen und Öffnungszeiten großer Ketten mitzuhalten. Auch die Lage ganz am östlichen Stadtrand spielt eine Rolle. Während in innerstädtischen Bezirken Laufkundschaft aus Büros, Tourismus und dicht bebauten Wohnvierteln in die Geschäfte strömt, sind die Kundenströme in Randlagen wie Mahlsdorf stärker von Pendlern und der direkten Nachbarschaft abhängig. Fällt ein Geschäft weg, sinkt oft auch die Frequenz für die übrigen Läden – ein Effekt, der sich schnell gegenseitig verstärken kann.
Ob sich die Situation entlang der Hönower Straße wieder stabilisiert, hängt daher von mehreren Faktoren ab: neuen Nutzungskonzepten, veränderten Geschäftsmodellen und nicht zuletzt von Investitionen in die lokalen Zentren. Bis dahin dürften geschlossene Rollläden und „Zu vermieten“-Schilder das Bild einer Straße prägen, die lange Zeit als kleine Geschäftsader von Mahlsdorf galt.





