Der Streit um die betriebliche Endstelle der BVG-Buslinie 195 in der Neuenhagener Straße geht in die nächste Rundem könnte nun erstmals zu einer konkreten politischen Entscheidung führen. Nach der Sammelbeschwerde von 24 Anwohnern hat eine Mahlsdorfer Bürgerinitiative ihre Kritik vor wenigen Tagen im Ausschuss für Mobilität und Wirtschaft des Bezirks vorgetragen. Am Mittwoch soll die Bezirksverordnetenversammlung Marzahn-Hellersdorf über einen Antrag zur Verlegung entscheiden.
Die Anwohner legten im Ausschuss eine umfangreiche Präsentation vor, in der sie die aus ihrer Sicht bestehenden Probleme in vier Bereichen zusammenfassen: blockierte Grundstückszufahrten, Verkehrssicherheit, Lärmbelastung und die zunehmende Wohnbebauung rund um die Endstelle. Nun richtet sich der Blick auf den 9. September. Dann soll die Bezirksverordnetenversammlung über den CDU-Antrag „Anwohner schützen – Betriebliche Endstelle der BVG-Linie 195 aus der Neuenhagener Straße verlegen“ entscheiden. Nach Angaben des Sprechers der Anwohnerinitiative, Dominik Trutkowski, habe der Antrag im Mobilitätsausschuss fraktionsübergreifend breite Unterstützung gefunden.
Eines stellen die Anwohner ausdrücklich klar: Ihnen geht es nicht um die Abschaffung der Buslinie 195. Die Linie soll nach ihrer Vorstellung erhalten bleiben. Auch den öffentlichen Nahverkehr, die Verkehrswende oder den Einsatz von Elektrobussen stellen sie nach eigener Darstellung nicht infrage. Gefordert wird vielmehr eine Verlagerung der betrieblichen Endstelle, also insbesondere der Stand-, Warte- und Pausenzeiten – an einen dafür geeigneteren Ort. „Das Ob heute entscheiden. Das Wie und Wohin anschließend fachlich umsetzen“, lautet die Botschaft, die die Initiative in ihrer Präsentation an die Bezirkspolitik richtet.
Damit geht es um eine Unterscheidung, die für den weiteren Streit entscheidend sein dürfte: Der Fahrgastbetrieb der Linie 195 soll bestehen bleiben, die betriebliche Nutzung des Straßenraums in der Neuenhagener Straße soll dagegen verändert werden. Nach Darstellung der Anwohner ist genau diese betriebliche Nutzung das Kernproblem. „Die Wohnstraße wird faktisch zur betrieblichen Aufstellfläche“, so Trutkowski. Die Neuenhagener Straße sei ursprünglich nicht als großflächige betriebliche Abstell- und Pausenfläche konzipiert worden. Heute würden dort nach Angaben der Initiative regelmäßig Busse während ihrer Standzeiten warten. Je nach Betriebssituation könnten bis zu drei Busse hintereinander in der Straße stehen; die Buspositionen würden dabei wechseln. Damit übernehme der Straßenraum faktisch Funktionen einer betrieblichen Aufstellfläche.
Das Problem beschränke sich deshalb aus Sicht der Anwohner nicht auf die eigentliche Haltestelle. Stand-, Warte- und Pausenzeiten verteilten sich vielmehr über den Straßenraum. Besonders kritisch sehen die Betroffenen die unmittelbare Nähe zu privaten Grundstückszufahrten. Nach ihrer fortlaufenden Dokumentation komme es wiederholt dazu, dass Zufahrten während der Standzeiten von Gelenkbussen blockiert oder erheblich erschwert würden. In der Präsentation heißt es dazu sinngemäß: Wenn ein Bus vor einer Zufahrt steht, könne die Zufahrt nicht „mitwarten“. Betroffen seien nicht nur alltägliche Ein- und Ausfahrten, sondern auch Rettungszugänge und ein Unterflurhydrant, der nach Darstellung der Anwohner wiederholt zugestellt worden sei. Die Initiative macht dabei ausdrücklich einen Unterschied zwischen dem Verhalten einzelner Busfahrer und der grundsätzlichen Organisation der Endstelle. Ihr Vorwurf lautet: Das Problem sei strukturell und lasse sich deshalb nicht allein durch Anweisungen an das Fahrpersonal lösen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Präsentation ist die Verkehrssicherheit. Die Anwohner kritisieren, dass die Busse nicht immer an exakt derselben Stelle stehen. Dadurch entstünden aus ihrer Sicht wechselnde Sichtschatten. Heute könne ein Bus auf einer bestimmten Straßenseite stehen, am nächsten Tag an einer anderen Position. Für Kinder sei dies problematisch, weil dadurch keine verlässliche Situation beim Überqueren der Straße entstehe. Besonders deutlich wird die Problematik nach Darstellung der Initiative an Grundstücksausfahrten. Zwei unmittelbar hinter einer Ausfahrt stehende Gelenkbusse könnten die Sicht auf den fließenden Verkehr erheblich einschränken. Ein Fahrzeug müsse sich dann zunächst vorsichtig in Richtung Fahrbahn vortasten, um überhaupt einen ausreichenden Überblick zu bekommen. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: In der Straße befindet sich ein fest installiertes Blindenleitsystem. Die Anwohner weisen darauf hin, dass das für blinde und sehbehinderte Menschen gedachte Türfindesignal auf eine feste Position ausgerichtet sei, während die Buspositionen variieren könnten. Die Initiative fordert deshalb eine aktuelle fachliche Bewertung der Verkehrssituation.
Besonders ausführlich beschäftigen sich die Anwohner mit dem Thema Lärm. Dabei geht es ausdrücklich nicht in erster Linie um die vorbeifahrenden Busse. Im Mittelpunkt steht der Stand- und Pausenbetrieb. Nach Darstellung der Initiative steht in der Regel immer mindestens ein Bus in der Neuenhagener Straße, zu Stoßzeiten könnten es zwei und gelegentlich drei Fahrzeuge sein. Während der Pausen liefen bei den Elektrobussen technische Aggregate weiter – darunter Dachlüfter, Luftpresser und Klimakompressoren. Die Anwohner geben an, dass die Fahrzeuge während einer rund 15-minütigen Pause nicht vollständig geräuschlos seien.
Besonders brisant ist dabei die Lage: Die Busse stehen in einem reinen Wohngebiet unmittelbar vor Häusern, Gärten und teilweise Schlafräumen. Die Initiative hat deshalb eigene Lärmmessungen durchgeführt. Sie betont selbst, dass diese Messungen kein amtliches Gutachten ersetzen. Dokumentiert worden seien jedoch tagsüber häufig Werte von etwa 58 bis 62 Dezibel und nachts teilweise etwa 50 bis 55 Dezibel. Die Präsentation stellt diesen Messungen Vergleichswerte aus der TA Lärm gegenüber. Dabei weist sie für ein reines Wohngebiet 50 dB(A) am Tag und 35 dB(A) in der Nacht aus. Ob und in welchem rechtlichen Zusammenhang diese Werte für die konkrete Situation heranzuziehen sind, ist allerdings eine der Fragen, die noch geklärt werden müssen. Die Anwohner selbst sprechen ausdrücklich von offenen immissionsschutzrechtlichen Fragen. Noch weiter geht die Bürgerinitiative beim Thema Gesundheit. Nach Angaben der Anwohner liegen inzwischen vier ärztliche Atteste beziehungsweise medizinische Stellungnahmen vor. Zwei weitere Dokumentationen seien in Vorbereitung.
Genannt werden unter anderem Ein- und Durchschlafstörungen, unzureichende nächtliche Erholung, krisenhafte Blutdruckanstiege, Erschöpfungssymptome und stressassoziierte Kopfschmerzen. Betroffen seien sowohl Erwachsene als auch ein elfjähriges Kind. Die behandelnden Ärzte warnten nach Darstellung der Initiative davor, dass sich die Beschwerden bei anhaltender Lärmbelastung chronifizieren könnten. Ein weiterer wichtiger Punkt spielt die bauliche Entwicklung der Neuenhagener Straße in der Argumentation der Initiative. Während sich das Wohnumfeld in den vergangenen Jahren verändert hat, sei die betriebliche Endstelle räumlich weitgehend unverändert geblieben. Allein bei den „Lindengärten“ seien sieben Häuser mit insgesamt 27 Wohneinheiten entstanden beziehungsweise im Entstehen. Weitere Nachverdichtung komme hinzu. Dadurch gebe es mehr Grundstückszufahrten, mehr Bewohner, mehr Kinder und mehr Fußverkehr.
Mit all ihren Punkten stehen die Anwohner weiterhin konträr zur Einschätzung der BVG. Noch im August hatte „Alles Mahlsdorf“ über die bisherige Position der Verkehrsbetriebe und des Senat berichtet. Die BVG hatte erklärt, dass für das Fahrpersonal klare Vorgaben gelten, unter anderem sollen Einfahrten freigemacht und die Zündung während der Standzeiten ausgeschaltet werden. Nach den damals bekannt gewordenen Angaben standen fahrplanbedingt maximal zwei Busse gleichzeitig in der Neuenhagener Straße. Die BVG beziehungsweise der Senat sahen die Verkehrssituation grundsätzlich als beherrschbar an. Als möglicher langfristiger Ansatz war unter anderem die Straßenbahnwendeschleife an der Treskowstraße genannt worden. Dort steht derzeit allerdings nicht ausreichend Platz für die Linie 195 zur Verfügung. Eine Nutzung könnte nach früheren Angaben erst im Zusammenhang mit weiteren Veränderungen an der Straßenbahn-Infrastruktur realistisch werden.
Die neue Präsentation der Anwohner setzt genau an dieser bisherigen Einschätzung an – und stellt sie grundsätzlich infrage. Nach Angaben von Dominik Trutkowski hat die Anwohnerschaft inzwischen zweimal ausführlich Beschwerde bei der BVG eingelegt: zunächst am 15. Juni und anschließend erneut am 31. Juli 2026. Eine inhaltliche Antwort habe es nach Darstellung des Sprechers bislang nicht gegeben. Auch ein Gesprächsangebot oder eine gemeinsame Erörterung möglicher Alternativstandorte sei bisher ausgeblieben. Die Initiative empfindet dies als besonders problematisch, weil sie nach eigener Darstellung inzwischen umfangreiche Dokumentationen zusammengetragen habe, darunter Lärmprotokolle, Foto- und Videoaufnahmen sowie medizinische Stellungnahmen. Die BVG hat zu diesen aktuellen Vorwürfen nach den hier vorliegenden Unterlagen bislang keine neue Stellungnahme abgegeben.
Jetzt entscheidet die Politik. Bisher war die Diskussion vor allem ein Streit zwischen Anwohnern und BVG über die Frage, wie der bestehende Betrieb in der Neuenhagener Straße organisiert werden kann. Jetzt liegt die grundsätzliche Frage einer Verlegung der betrieblichen Endstelle auf dem Tisch der Bezirkspolitik.





