Kultfigur aus Mahlsdorf: Der Sandmann auf dem Weg zum UNESCO-Kulturerbe

Seit Jahrzehnten ist er Abend für Abend zu Gast in deutschen Kinderzimmern. Nun könnte das Sandmännchen offiziell UMESCO-Kulturerbe werden. Der Antrag auf Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes ist gestellt, liegt bei der ersten von drei Institutionen vor.  Ziel der Initiative: nicht nur eine Fernsehfigur zu ehren, sondern eine lebendige Tradition zu schützen – die der Gute-Nacht-Geschichte.

Initiator Michael Wiedemann, seine Frau Elke, Unterstützer und Spender haben sich viel vorgenommen. Nachdem der 66-Jährige es bereits schaffte auf dem Mahlsdorfer Ullrichplatz eine Statue der wohl berühmtesten Puppe des deutschen Fernsehens aufzustellen, soll nun der nächste gegangen werden. Der Sandmann als Weltkulturerbe. Die Unterlagen wurden vor einigen Wochen bei der Berliner Landeskoordination „Immaterielles Kulturerbe“, die der Senatsverwaltung für Kultur unterstellt ist, zur Prüfung eingereicht. Wird diese Hürde genommen geht der Antrag nach Bonn an die deutsche UNESCO-Kommission. Fällt dort eine positive Entscheidung, muss „nur“ noch der internationale UNESCO-Hauptsitz in Paris zustimmen. Wie lange dieser Prozess dauert, ist unklar.


Dass der Antrag gerade aus Mahlsdorf kommt, ist kein Zufall. Denn der Sandmann wurde in unserem Ortsteil geboren, entstand durch die Hände des Mahlsdorfer Gerhard Behrendt. Der bereits zuvor erfolgreiche Regisseur und Puppengestalter entwickelte die Figur, welche am 22. November 1959 das erste Mal über die DDR-Bildschirme (die westdeutsche Version entstand nur kurze Zeit später) flimmerte. Aufgrund des Erfolges wurde 1963 im ehemaligen Kino Lichtburg am Hultschiner Damm/Ecke Paul-Wegener Straße ein eigens für das Sandmännchen eingerichtetes Produktionsstudio eröffnet. Drei Jahrzehnte lang wurde hier das DDR-Sandmännchen produziert. Das Gebäude wurde in den 1990ern abgerissen, heute befinden sich hier ein Aldi-Supermarkt sowie die Jugendfreizeiteinrichtung „Am Hultschi“.


Die Begründung für die Aufnahme ins immaterielle Weltkulturerbe (unter anderem zählen dazu  Capoeira in Brasilien, Yoga in Indien oder Reggae in Jamaika) ist umfangreich. Vor allem ist sie damit begründet, dass das Sandmännchen längst mehr ist als ein Kinderprogramm. Es ist Ritual, Erinnerung und generationsübergreifende Konstante. Eltern, die selbst mit dem kleinen Mann mit Zipfelmütze aufgewachsen sind, geben das abendliche Abschiedsritual heute an ihre Kinder weiter. In einer Zeit, in der Mediennutzung fragmentierter und schneller wird, steht das Sandmännchen für Verlässlichkeit – und für einen Moment der Ruhe am Ende des Tages.


Die Wurzeln der heute so bekannten Figur reichen bis in die Romantik zurück. Autoren wie E. T. A. Hoffmann und Hans Christian Andersen prägten im 19. Jahrhundert das literarische Motiv des Sandmanns. Seit seinem Fernsehdebüt jedoch wandelte sich das Sandmännchen zum freundlichen Abendbegleiter. Mehr als 470 Rahmenhandlungen sind entstanden, viele davon bis heute im Einsatz. Das Sandmännchen überstand politische Umbrüche ebenso wie technische Entwicklungen. Schon zu DDR-Zeiten wurden Folgen ins Ausland verkauft; ähnliche Formate entstanden in anderen Ländern. Museen und Archive dokumentieren seine Geschichte, Forschende analysieren seine Wirkung. Für viele Erwachsene ist er Kindheitserinnerung. So steht das Sandmännchen längst nicht nur für Nostalgie, sondern für kulturelle Identität und gelebte Erzähltradition über Generationen hinweg.


Im Zentrum der Bewerbung steht also nicht allein die Fernsehfigur, sondern die kulturelle Praxis dahinter: das Erzählen vor dem Einschlafen. Ob im Fernsehen, im Buch oder am Bettrand; Gute-Nacht-Geschichten gehören zu den intimsten und zugleich prägendsten Erfahrungen der Kindheit. Sie vermitteln Geborgenheit, fördern Fantasie und schaffen gemeinsame Erinnerungen. Die Aufnahme in das UNESCO-Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes wäre mehr als eine symbolische Auszeichnung. Sie würde die gesellschaftliche Bedeutung einer kulturellen Praxis unterstreichen, die im Alltag oft selbstverständlich erscheint – und gerade deshalb schützenswert ist. Anders als Bauwerke oder Denkmäler lebt immaterielles Kulturerbe von seiner Weitergabe. Es existiert nur, wenn Menschen es praktizieren. Sollte die Anerkennung gelingen, wäre das nicht nur eine Ehrung für eine Fernsehfigur. Es wäre ein starkes Zeichen für Fantasie, Fürsorge und die leisen Momente des Tages, in denen Geschichten Brücken zwischen Generationen schlagen.

Die Sandmann-Statue auf dem Ullrichplatz in Mahlsdorf

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