Seit Jahrzehnten ist klar, dass der Verkehr von der B1 über die Hönower Straße neu gedacht werden muss. Stau, eine lediglich eingleisige Straßenbahn, Umfahrungen durch Siedlungsgebiete machten dies notwendig. Im Jahr 2021 zurrte der damals rot-grün-rote Senat planungstechnisch die Lösung fest, den Autoverkehr über eine neu zu bauende Straße vor der neuen ISS in der Straße An der Schule entlangzuführen und die Hönower Straße ausschließlich von der Straßenbahn nutzen zu lassen. Die CDU war dagegen, wollte die Verkehrsführung genau andersherum. Bis jetzt, denn die Partei gibt den Widerstand auf. Damit ist der Weg für die „Verkehrslösung Mahlsdorf“ endgültig frei.
So ganz glücklich wirkte Katharina Günther-Wünsch nicht, als sie am Freitagnachmittag zunächst Pressevertretern und anschließend auf einer Einwohnerversammlung die Neuausrichtung verkündete. „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Aber es ist jetzt einfach vernünftig, um keinen Stillstand zu provozieren“, so die Bildungssenatorin und Mahlsdorfer Wahlkreisabgeordnete. Vor drei Jahren klang dies noch anders, gemeinsam mit der SPD im Bezirk wollte die CDU das Senatsprojekt stoppen. Schließlich sei die von der damals grünen Verkehrssenatorin geplante Verkehrslösung „gegen den Bürgerwillen“ entstanden. Auf einer Einwohnerversammlung in der Kiekemal-Grundschule im November 2024 versprach die nun im Amt befindliche CDU-Verkehrssenatorin Ute Bonde, dass Planungen nicht weiter fortgeführt werden würden. Allerdings betonte sie ebenfalls, dass eben jene Planungen weit fortgeschritten seien und ein Stopp dieser genauestens rechtlich geprüft werden müsse.
Und genau da liegt der Ursprung des nun entschiedenen Aufgebens des Widerstands. „Ein Stopp hätte das Projekt um weitere sechs Jahre zurückgeworfen. Mindestens. Von steigenden Kosten ganz zu schweigen. Es hätte sogar die Gefahr bestanden, dass die Verkehrslösung komplett gescheitert wäre und wir mit Nichts daständen“, so Mario Czaja. Der 50-Jährige befindet sich nach eigener Aussage zwar im „politischen Sabatical“, beschäftigte sich aber über viele Jahre als Wahlkreisabgeordneter mit den kleinen und großen Problemen unseres Ortsteils, fungiert immer noch als Ansprechperson für Anwohnende und mischt hinter den Kulissen der Bezirks-CDU mit Blick auf die Berlin-Wahl im September mit. Er, der jahrelang, gegen die vom Senat geplante Variante kämpfte, sagt nun: „Es ist eine Entscheidung der Vernunft. Wir brauchen den 10-Minuten-Takt zwischen Bahnhof Mahlsdorf und Bahnhof Köpenick.“ Mit einer Neuplanung käme allein der Umbau der Hönower Straße allerfrühestens 2034. Schon jetzt liegen die Kosten für den Straßenbahn-Neubau bei rund 45 Millionen, mit einer Verzögerung von mehreren Jahren wüprden sie weiter deutlich gestiegen. Katharina Günther-Wünsch ergänzt: „Es sind 2021 Fakten geschaffen worden, die nun de facto nicht mehr umkehrbar sind. Das akzeptieren wir.“
In die Entscheidung der CDU dürften auch Argumente der BVG sowie der Wasserbetriebe eingeflossen sein. Der vergangene Winter hat gezeigt, dass die viele Jahrzehnte alten Rohre unterhalb der Hönower Straße (für derartige Verkehrsbelastung eigentlich nicht ausgelegt) frostanfällig sind. Wie lange sie überhaupt noch durchhalten ist ungewiss, ob sie weitere Jahre der Verzögerung durchhalten käme einem Vabanquespiel gleich. Im Rahmen der Gleisbauarbeiten mit der Senatsvariante würden die Rohre jedoch mitsaniert, es würden mit einem Investitionsvolumen von mehr als 15 Millionen Euro auch Straßenentwässerungsanlagen (Pumpwerk, Regenwasserkanäle, Schächte und Straßenabläufe) neu gebaut. Gleiches gilt für den Neubau der Straße an der Schule, hier würden die Wasserbetriebe 6,5 Millionen investieren. Auch die BVG, die die Gleise in fünf Jahren altersbedingt eh austauschen müsste, dürfte sich über die CDU-Entscheidung freuen. Eine Streckenführung an der ISS vorbei durch die Pestalozzistraße zurück auf die Hönower bis unter die Bahnhofsbrücke hätte zwei Kurven bedeutet. Das ist teurer, man hätte Grundstücke von Anwohnenden zwangszukaufen müssen (mit großer Klagegefahr) und kostet vor allem Fahrtzeit. Mit der Senatsvariante geht es vom Hultschiner Damm bzw. andersherum kommend einfach geradeaus.
Nun ist der Stand der Dinge folgender: Laut der Antwort von Verkehrs-Staatssekretär Arne Herz auf eine parlamentarische Anfrage des Linken-Abgeordneten Kristian-Ronneburg liegen der zuständigen Anhörungsbehörde nach Personenbeförderungsgesetz (PBefG) seit dem 12. März überarbeitete Planunterlagen vor. Die Prüfung dieser dauert an. Mit einem abschließenden Ergebnis sei im zweiten Quartal zu rechnen. Zudem werden Stellungnahmen, Einwendungen und Äußerungen der Öffentlichkeit derzeit geprüft. Im Anschluss sollen die Planungsunterlagen für Bürgerinnen und Bürger ausgelegt werden. Insgesamt kosteten allein die Planungen bislang rund 3,8 Millionen Euro.
Ist mit der Entscheidung der CDU nun alles gut? Nun ja. Zwar wird nicht mehr gegen die Senatsvariante angekämpft, dennoch bedarf es weiterhin einer Feinjustierung, gerade mit Blick auf die Anwohnenden. So soll etwa vor der Schule auf der neuen Straße Tempo 30 herrschen, es soll eigenständige Fuß- und Radverkehrsanlagen sowie eine Bedarfsampel ähnlich wie vor der Kiekemal-Grundschule geben. Auf der Hönower Straße werden insgesamt fünf Ampeln installiert, die verkehrsabhängige Steuerungen erhalten. Ein Fahrradparkhaus wird errichtet, zudem sollen Abkürzungen durch das Musikerviertel durch Einfahrverbote, Einbahnstraßen- oder „Anlieger frei“-Regelungen eingedämmt oder unmöglich gemacht werden.
Zunächst soll nun die neue Straße An der Schule errichtet werden, die Fertigstellung könnte 2030 erfolgen. Zwei Jahre später könnte das Gesamtprojekt mit der neuen Straßenbahntrasse folgen.





