„Es funktioniert nicht mehr mit ihm“: Mahlsdorfs einstiger Spitzenpolitiker fordert Friedrich Merz zum Rückzug auf

Mario Czaja ist in Mahlsdorf aufgewachsen, war von 2006 bis 2021 der direkt gewählte Wahlkreisabgeordnete. Aus unserem Ortsteil schaffte es der heute 51-jährige Sohn eines Elektrikers und einer Krankenschwester bis in die höchsten politischen Kreise, wurde sogar CDU-Generalsekretär unter Friedrich Merz. Nach dem für seine Partei niederschmetternden Ergebnis bei der vergangenen Berlin-Wahl, egal ob auf Landes- oder erst recht auf Bezirksebene, geht Czaja offen seinen einstigen Förderer Friedrich Merz an. Er fordert den Bundeskanzler zum Rücktritt auf, rechnet mit dessen politischem Kurs ab.

 

Es sind ungewöhnlich deutliche Worte eines Mannes, der Friedrich Merz einst selbst zu einem der wichtigsten Posten der CDU verhalf: Mario Czaja fordert den Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden zum Rückzug auf. „Ich glaube, es ist an der Zeit, dass er den Platz frei macht“, sagte Czaja am Montagabend in der Sendung „Meinungsfreiheit“ beim Fernsehsender „Welt“. Und noch deutlicher: „Es funktioniert nicht mehr mit ihm.“ Dem Kanzler noch mehr Zeit zu geben, mache „gar keinen Sinn“, so Czaja. Mit diesen markigen Worten meldet sich Czaja, der in den vergangenen Jahren eher im Hintergrund agierte zurück auf der großen politischen Bühne.

 

Mario Czaja wurde 1975 in Berlin geboren und wuchs in Mahlsdorf auf. Bereits 1993, im Alter von 18 Jahren, trat er der CDU bei und engagierte sich in der Jungen Union. In der Hellersdorfer Kommunalpolitik war er zunächst als berufener Bürger aktiv, später saß er von 1995 bis 1999 in der Bezirksverordnetenversammlung. 1999 gelang ihm der Sprung ins Berliner Abgeordnetenhaus. Bei mehreren Wahlen vertrat Czaja anschließend den Wahlkreis Mahlsdorf/Kaulsdorf-Süd beziehungsweise den Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Von 2011 bis 2016 war er Berliner Senator für Gesundheit und Soziales.

 

Deutschlandweit bekannt wurde der Mahlsdorfer spätestens bei der Bundestagswahl 2021. Mit 29,4 Prozent der Erststimmen gewann er das Direktmandat im Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf, als erster CDU-Politiker seit der Wiedervereinigung. Gerade in den Einfamilienhausgebieten von Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf konnte Czaja viele Stimmen holen. Der Erfolg machte ihn auch für Friedrich Merz interessant. Als dieser Ende 2021 zum CDU-Bundesvorsitzenden aufstieg, kündigte er an, Czaja zum Generalsekretär machen zu wollen. Im Januar 2022 übernahm der Mahlsdorfer das Amt. Ausgerechnet Merz, der ihn an die Spitze der Bundespartei geholt hatte, beendete die Zusammenarbeit im Sommer 2023 wieder. Czaja schied als Generalsekretär aus, Carsten Linnemann übernahm.

 

Czaja selbst veröffentlichte damals eine persönliche Erklärung. Darin schrieb er, er habe die Entscheidung gemeinsam mit Merz getroffen und betonte die Unterstützung, die er während seiner Zeit als Generalsekretär erfahren habe. Nun wurde aus einem Weggefährten ein Kritiker. Und zwar ein deutlich, denn das Verhältnis zwischen den beiden ist deutlich abgekühlt. Bereits 2025 sprach Czaja öffentlich über seine Zeit unter Merz und die Schwierigkeiten der CDU im Osten.

 

Bei der Bundestagswahl 2025 verlor Czaja schließlich sein Direktmandat in Marzahn-Hellersdorf knapp an den AfD-Kandidaten Gottfried Curio. Trotz der Niederlage blieb Czaja politisch aktiv, wenn auch weniger im Vordergrund. Er führt weiterhin die CDU Marzahn-Hellersdorf und tritt im Bezirk mit seinen sogenannten „Kiezmachern“ auf. Bei Veranstaltungen, wie etwa dem Familienfest auf dem Durlacher Platz ist er als Gastgeber aktiv, spricht mit Wegbegleitern bei Festen wie Weihnachtsmärkten oder führt im Beisein seiner Wahlkreis-Nachfolgerin Katharina Günther-Wünsch das Wort bei Hintergrundgesprächen mit der Presse, etwa beim Umkehrschwung der CDU bei der Verkehrslösung Mahlsdorf.

 

Günther-Wünschs, auch sie teilte Ausschnitte von Czajas TV-Auftritt auf ihrem Instagram-Kanal, eher maues Abschneiden trotz Wahlkreis-Siegs bei den Erststimmen und den Niederlagen in Mahlsdorf bei Zwei- und Drittstimmen gegen die AfD schreckten Mario Czaja nun offenbar auf. Denn nun griff er den Bundeskanzler frontal an. Er wirft Friedrich Merz vor, bereits zu Beginn seiner Kanzlerschaft grundlegendes Vertrauen verspielt zu haben. Besonders stößt er sich an der Lockerung der Schuldenbremse. Merz hatte vor der Bundestagswahl 2025 eine solche Änderung ausgeschlossen, nach der Wahl dann aber gemeinsam mit SPD und Grünen eine Grundgesetzänderung für ein umfangreiches Finanzpaket auf den Weg gebracht. Czaja kritisiert, Merz habe damit „auf dem Altar seiner eigenen Kanzlerschaft“ die Schuldenbremse gelockert und das politische Erbe des früheren CDU-Finanzministers Wolfgang Schäuble beschädigt.  

 

Noch härter fällt Czajas Kritik an Merz’ Auftreten nach den jüngsten Wahlergebnissen aus. Die Rede des Kanzlers nach den ersten Prognosen habe ihn „sprachlos zurückgelassen“. Merz fehle seiner Ansicht nach die „emotionale Intelligenz“, zu verstehen, was gerade im Land passiere. Czaja sieht deshalb keinen Sinn darin, Merz einfach mehr Zeit zu geben. Stattdessen müsse der CDU-Chef Platz machen.

 

Czajas Vorstoß fällt in eine Phase erheblicher innerparteilicher Diskussionen über den Kurs der Union. Nach den jüngsten Landtagswahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern geriet die CDU unter Druck. Merz selbst räumte bei der Sitzung der Unionsfraktion eine Mitverantwortung für die Wahlergebnisse ein. Auch der frühere Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus kritisierte Merz laut Medienberichten deutlich. Er soll den Kanzler in der Fraktionssitzung aufgefordert haben, sich zu verändern. Czaja ist damit nicht der einzige CDU-Politiker, der derzeit öffentlich über die politische Zukunft des Parteivorsitzenden diskutiert. Seine Forderung nach einem Rückzug geht allerdings besonders weit.

 

Für Mahlsdorf ist die Geschichte vor allem deshalb interessant, weil Czaja einer der bekanntesten Politiker ist, die unser Ortsteil hervorgebracht hat. Hier begann seine politische Laufbahn. Hier baute er sein Netzwerk auf. Von hier aus gelang ihm der Sprung ins Berliner Abgeordnetenhaus, später in den Senat und schließlich in den Bundestag und an die Spitze der Bundes-CDU. Und hier endete 2025 vorerst auch seine Karriere im Bundestag. Dank Friedrich Merz. Dass nun ausgerechnet der Mahlsdorfer Mario Czaja den Mann öffentlich zum Rückzug auffordert, der ihn einst selbst zum CDU-Generalsekretär gemacht hatte, verleiht dem aktuellen Machtkampf in der Union eine besondere Berliner und ostdeutsche Note.

Mario Czaja (links) geht deutlich auf Distanz zu seinem ehemaligen Förderer Friedrich Merz.

Datenschutzeinstellungen